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Libysche Milizen verdienen viel Geld mit Internierungslagern für Geflüchtete
Libysche Milizen verdienen viel Geld mit Internierungslagern für Geflüchtete
( Link zum Originalbild | Urheber: LaughingRaven | Pixabay | CC0 Public Domain )

„Niemand wagt, sich zu bewegen. Nicht das leiseste Flüstern ist zu hören. Erst als der Wächter, ein Mann in Tarnuniform mit verwahrlostem Bart, geröteten Augen und Alkoholfahne, kurz hinausgeht, nimmt eine junge Frau ihren Mut zusammen, um mit uns zu sprechen. Sie geht vor uns in die Knie, faltet die zitternden Hände. ‚Sie vergewaltigen uns!‘, flüstert sie und zeigt uns ihre Arme. Sie sind mit blauen Flecken bedeckt, die Abdrücke einzelner Finger erkennbar. ‚Helft uns! Bitte!‘ Sie hebt ihr Tuch. Ihr Trainingsanzug ist zwischen den Beinen bis zu den Knien mit Blut verschmiert. Wer hat das getan? ‚Alle von denen. Nacheinander.‘“

Journalist Michael Obert, MEDICO

Die Perspektive in 30 Sekunden:

  • Die „Regierung der nationalen Einheit“ unter der Leitung von Premierminister Fayiz as-Sarradsch hat Libyen kaum unter Kontrolle: Das Parlament erkennt seine Regierung nicht an und über 1.700 militante Gruppen bekämpfen sich gegenseitig.
  • Die Einheitsregierung, aber auch die lokalen Milizen betreiben Internierungslager für Geflüchtete. Sie sollen davon abgehalten werden, weiter nach Europa zu reisen. Die Europäische Union investiert dafür viel Geld in den libyschen Grenzschutz.
  • In den Lagern herrschen menschenunwürdige Zustände: Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal, die Geflüchteten bekommen kaum Wasser oder Nahrung und werden häufig geschlagen oder brutal vergewaltigt.

Wichtige Punkte aus dem Originalbeitrag:

  • Je schlechter es den Menschen in den Internierungslagern geht, desto besser können die Milizen mit der Europäischen Union um finanzielle Unterstützung verhandeln.
  • Die einzige Chance für Geflüchtete aus Libyen zu entkommen ist die lebensgefährliche Überfahrt nach Italien über das Mittelmeer. Die Fahrt kostet um die 2.500 Dollar pro Person. Obert schätzt, dass libysche Schleuser 2017 dadurch über 465 Millionen Dollar eingenommen haben.
  • Experten sind sich sicher, dass nicht nur lokale Milizen, sondern auch die libysche Küstenwache am Menschenhandel beteiligt ist.

Warum The Buzzard diese Perspektive empfiehlt:

Obert liefert neue Einblicke in die Situation in Libyen, indem er die politische Situation verständlich erklärt. Außerdem lässt Obert die Menschen vor Ort zu Wort kommen und den Schrecken ihrer Erfahrung selbst beschreiben. So werden das Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen und die persönlichen Schicksale der Betroffenen besonders deutlich. Obert fungiert zudem als Experte: Als Journalist ist er häufig in Krisengebieten unterwegs. 2017 veröffentlichte er eine Reportage über einen libyschen Warlord, der heute noch aktiv ist.

The Buzzard empfiehlt außerdem:

Oberts Beitrag erschien im April 2018. Seitdem scheint sich an der Lage in Libyen wenig geändert zu haben. Ein Beitrag der freien Journalistin Angelika Gutsche auf DER FREITAG berichtet von den Luftangriffen auf ein Internierungslager in Tadschura vom 02. Juli, und von der Verstrickung der Einheitsregierung in den Menschenhandel.

Diese Perspektive wird empfohlen von: Stephanie Berens.

Wer steckt dahinter?

Michael Obert
Kommt aus:Deutschland
Arbeitet für/als:Journalist, Autor, Filmemacher
Was Sie noch wissen sollten:Obert reist häufig in Kriegs- und Krisengebiete, um über die dortigen Situationen zu berichten. Seine Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet und seine Reportagen sind schon in vielen großen deutschen und internationalen Zeitungen erschienen. 2017 veröffentlichte er im Magazin der SÜDDEUTSCHEN eine Reportage über einen bekannten libyschen Warlord. Obert hat außerdem das Buch „Regenzauber“ geschrieben und beim Dokumentarfilm „Song from the Forest“ Regie geführt.
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