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Alle Perspektiven in einem Text
Alle Perspektiven in einem Text
( Link zum Originalbild | Urheber: Himmlisch | Pixabay | Pixabay License )

Seit Jahren ertrinken Menschen zu Tausenden im Mittelmeer. 2018 ertranken im Schnitt jeden Tag sechs, berichtet die UNO-Flüchtlingshilfe. Menschen, die vor Krieg, Armut und Hunger fliehen. Wir in Europa wissen das. Trotzdem wird nicht jeden Tag darüber gesprochen, trotzdem schauen wir oft weg. Wenn Flüchtlingsunterkünfte in Griechenland kollabieren, wenn EU-Gelder für Grenzschutz und Küstenwachen in autoritären Staaten fließt, wenn Seenotrettung kriminalisiert wird.

Jetzt allerdings hat die Debatte um Seenotrettung die Mitte der Gesellschaft erreicht. Und damit rückt auch ein alter Widerspruch ins Zentrum der Aufmerksamkeit. EU-Politiker wie der deutsche Innenminister Horst Seehofer betonen, Seenotrettung sei eine Rechtspflicht – aber die EU-Staaten stellen seit seit diesem Frühjahr keine eigenen Rettungsboote mehr zur Verfügung.
Es bleibt also an den privaten Seenotrettern hängen. Und die werden kriminalisiert und von der italienischen Regierung zunehmend in die Enge getrieben. Während 2017 noch dreizehn Rettungsschiffe im Mittelmeer unterwegs waren, sind es mittlerweile nur noch drei, berichtet das ZDF HEUTE JOURNAL.
Nun, da das Thema Seenotrettung die Schlagzeilen bestimmt, bemühen sich Politiker diesen Widerspruch aufzulösen. Es scheint Bewegung in die politische Debatte zu kommen. Die Bundesregierung sagt, sie will das Thema auf der Justiz- und Innenministerkonferenz ansprechen. Der CDU-Politiker Daniel Günther, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, fordert ein Umdenken in der EU-Politik. „Das ist ein Situation, wo sich die Staatengemeinschaft nicht zurückziehen kann“, sagt er. Es sei die Verantwortung der Politik, dass solche Zustände im Mittelmeer nicht herrschen.

Eine „Koalition der Willigen“ soll geformt werden, eine Gruppe von EU-Staaten, die bereit ist, Menschen, die auf dem Mittelmeer vor dem Ertrinken gerettet werden, aufzunehmen und nach fairem Verteilungsschlüssel auf Länder in der EU zu verteilen.

Solche Ansagen stoßen vielerorts auf offene Ohren. Am vergangenen Samstag, 7. Juli, fanden europaweit in mehr als 90 Städten Demonstrationen für mehr Solidarität in der Seenotrettung statt. Die italienische Regierung auf der anderen Seite hat diese Woche demonstrativ das einst größte Auffanglager Europas geschlossen.

In unserer Ausgabe diese Woche widmen wir uns dem Thema Seenotrettung abseits der politischen Debatte. Wir zeigen eine Sammlung journalistischer Augenzeugenberichte aus den verschiedenen Ländern entlang der Außengrenzen der EU: Libyen, Tunesien, Marokko, Griechenland, Spanien, Italien, Kroatien, Serbien und Türkei. Die Reportagen zeigen: Die humanitäre Notlage vor den Toren Europas ist grotesk.

Unsere Sammlung an Augenzeugenberichten ist mit Sicherheit keine leichte Lektüre. Es sind bewegende, bestürzende Geschichten von Menschen für die es keine Heimat gibt, die nicht vor können und nicht zurück. An manchen Stellen möchte man das Lesen vielleicht sogar lieber abbrechen, gleichzeitig erinnern diese Geschichten uns daran, wie wichtig es ist, öfter hinzuschauen, was vor den Toren Europas Alltag ist. Und nicht nur immer dann, wenn die Flüchtlingsdebatte gerade wieder die Schlagzeilen bestimmt, weil ein Boot gesunken ist.

Neben den Reportagen hat unser Redakteur Frank Kaltofen ein Interview mit Johanne Bischoff von der Hilfsorganisation „Projekt Seehilfe“ geführt, die sich ehrenamtlich für Geflüchtete einsetzt und von der Arbeit auf Sizilien berichtet.

 

Nordafrika – Internierungslager und Zwangsarbeit

Libyen steht kurz vor dem Ausbruch eines neues Bürgerkriegs. Milizen im Land verdienen viel Geld mit Internierungslagern für Geflüchtete. Der Journalist Michael Obert berichtet für die Hilfsorganisation MEDICO von den Lagern im Land: „Sie vergewaltigen uns!‘, berichtet eine Geflüchtete dem Journalisten. „Sie zeigt uns ihre Arme. Sie sind mit blauen Flecken bedeckt, die Abdrücke einzelner Finger erkennbar. ‚Helft uns! Bitte!‘ Sie hebt ihr Tuch. Ihr Trainingsanzug ist zwischen den Beinen bis zu den Knien mit Blut verschmiert. Wer hat das getan? ‚Alle von denen. Nacheinander.’“

Der freie Journalist Mirco Keilberth beschreibt in der TAZ, wie Geflüchtete im Urlaubsparadies Tunesien zu Gelegenheitsjobs und Zwangsarbeit in Minen gezwungen werden.

Journalistin Nora Noll zeig in einem Text im FREITAG, wie Asylsuchende in Marokko kämpfen. Sie bekommen weder finanzielle Unterstützung noch Hilfe bei der Suche nach einer Unterkunft oder Zugang zu medizinischer Versorgung.

 

Südeuropa – Stacheldrahtzaun und überfüllte Camps

Im GUARDIAN beschreibt die britische Journalistin Hsiao-Hung Pa, was mit Geflüchteten passiert, die in Italien gelandet sind: Viele sind gezwungen für Hungerlohn auf Gemüseplantagen zu arbeiten. „Mohammad hat ohne Pause gearbeitet. Er wird nach Stücklohn bezahlt, also muss er sein Bestes geben. Er hat nicht mal zwischendurch etwas getrunken oder ist auf die Toilette gegangen- nicht dass Wasser oder eine Toilette ihm überhaupt zur Verfügung steht.“

Die SPIEGEL-Journalisten Steffen Lüdke und Giorgos Christides finden, dass es in Griechenland nicht besser aussieht. „Mehr als 3800 Migranten leben derzeit am Hang und im Lager, das für nur 648 Personen ausgelegt ist. Kein anderer sogenannter Hotspot auf den ägäischen Inseln ist so überfüllt. Die Migranten dürfen nicht weg, Samos hat sich in ein Gefängnis verwandelt. Die Situation sei außer Kontrolle, urteilt die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen.“

Und obwohl Spanien als Land mit großer Gastfreundschaft bekannt ist, hält sich die Regierung Geflüchtete durch einen Stacheldrahtzaun vom Leib. „Den sogenannten Nato-Stacheldraht, Klingendraht oder Widerhakensperrdraht darf man in Europa nicht einmal benutzen, um Tiere einzusperren – an der europäischen Grenze werden damit Menschen aus Marokko draußen gehalten“, berichtet ein Menschenrechtler im spanischen Videobeitrag von Enric Botella für BBC MUNDO.

 

Osteuropa – Warten vor versperrten Grenzen

Vor der Grenze nach Kroatien warten Geflüchtete seit Jahren auf die Einreise. Viele sind gezwungen auf einer Mülldeponie zu hausen. „Alle 700 Plätze sind besetzt, mindestens noch einmal so viele Menschen hausen in improvisierten Zelten vor den Toren des mit Zaun abgetrennten Areals. Die hygienischen Bedingungen sind verheerend, dünne Planen bieten kaum Schutz vor Regen oder Sonne“, berichten die Korrespondenten Dragan Maksimović und Zoran Arbutina für die DEUTSCHE WELLE.

Ähnlich ist die Situation in Serbien. Der Weg nach Ungarn ist versperrt. Im DEUTSCHLANDFUNK berichtet eine Mitarbeiterin in einem Geflüchteten-Camp: „Sie halten den Flüchtlingen ungeladene Pistolen an den Kopf, um sie einzuschüchtern. Oder sie nehmen ihnen die Kleidung weg und schicken sie nackt zurück. Es wurden auch schon Hunde auf die Flüchtlinge gehetzt.“

 

Türkei – Statt Solidarität sind Anfeindungen Alltag

Abschließend zeigen wir einen Text, der eindrucksvoll vermittelt, wie die Stimmung in der Türkei gekippt ist. Menschen, die aus Syrien vor dem Krieg geflohen sind, werden im Land angefeindet: „Vergangenen Dezember hat nach einem kleinen Streit eine Gruppe junger türkischer Männer unsere Häuser und Geschäfte von Syrern zertrümmert. Das passiert in letzter Zeit ziemlich häufig und scheint von einigen Menschen begonnen und verstärkt zu werden, die nicht wollen, dass wir hier leben“, berichtet ein Syrer in einem Text der freien Journalistin Zouhir Al-Shimale im MIDDLE EAST EYE.

Wer steckt dahinter?

Dario Nassal
Kommt aus:Gebürtig Stuttgart; jetzt: Leipzig; zuvor: Amsterdam & Mannheim
Politische Position:Findet Politik in Deutschland sollte umweltfreundlicher und sozialer gestaltet sein.
Arbeitet für/als:Gründer & Geschäftsführer bei TheBuzzard.org
Was Sie noch wissen sollten:Dario ist Mitgründer von TheBuzzard.org. Er hat zuvor bei der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, der STUTTGARTER ZEITUNG und dem MANNHEIMER MORGEN geschrieben und Politikwissenschaften in Mannheim, Istanbul und Amsterdam an führenden europäischen Universitäten studiert.
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