Zurück zu allen Tagesempfehlungen
Müssen wir das Konzept von NGOs grundsätzlich infrage stellen?
Müssen wir das Konzept von NGOs grundsätzlich infrage stellen?
( Link zum Originalbild | Urheber: rawpixel | Pixabay | CC0 )

Der tägliche Blick über den Tellerrand mit The Buzzard.

Guten Morgen,

in Brüssel wäre sicher mancher überrascht. Jedes Jahr konkurrieren dort Nichtregierungsorganisationen (NGOs) aus aller Welt um die „Global NGO Excellence Awards“, eine Auszeichnung, die in 18 Kategorien vergeben wird, darunter UmweltGesundheit, aber auch Weltfrieden. Zurzeit läuft die Auswahl. In einem Monat werden die Preise überreicht. Unwahrscheinlich ist, dass irgendjemand dort NGOs – also das Modell an sich – infrage stellen würde.

Die Schriftstellerin Emma Braslavsky aber tut es. Und zwar prinzipiell. Sie hat dem Wirtschaftsmagazin BRAND EINS ein Interview gegeben, in dem sie NGOs angreift. (Schon in ihrem 2016 erschienenen Roman „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“ kamen NGOs nicht gut weg.) Doch was sich auf den ersten Blick unterhaltsam liest, erweist sich auf den zweiten Blick als wackelig argumentiert. Es lohnt sich, Braslavskys Thesen genauer anzusehen und ihre pauschalen Vorwürfevom vielleicht berechtigten Anliegen zu trennen. Braslavskys Grundsatzfrage ist: Müssen wir das Konzept NGO überdenken?

Erste These: NGOs erreichen zu wenig, sie bekämpfen nur Symptome. Manchmal haben ihre Aktionen sogar fatale Folgen.

Die Autorin vergleicht NGOs (oder „Weltverbesserer“) mit Schmerzmittel: Sie wirkten zwar lindernd, bekämpften aber nicht den Kern des Übels, die Ursachen. Leider führt sie ihre These nicht aus. Schlicht beklagt sie, dass es auf dem „Planeten immer schlimmer“ werde trotz der vielen NGOs.

Konkreter wird sie, wenn sie von „fatalen Folgen“ spricht und eine Realität beschreibt, die sie selbst in Vietnam in den 90er-Jahren erlebte. Damals hätten westliche NGOs für Straßenkinder ein Recht auf Schulbildung durchgesetzt, was dazu geführt habe, dass einige Kinder tagsüber in ein Gebäude gesperrt wurden – um den Eindruck zu erwecken, sie würden unterrichtet.

Es bleibt bei diesem Beispiel. Zwar führt Braslavsky noch an, dass NGO-Mitarbeiter in armen Ländern oft privilegiert lebten und kritisiert sogleich den „NGO-Kolonialismus“. Doch was genau sie damit meint, erläutert sie nicht.

Zweite These: NGOs sind vor allem an ihrer eigenen Existenz interessiert, weniger am Helfen. 

Wieder führt uns Braslavsky ins Vietnam der 90er-Jahre. Ihr Eindruck sei damals gewesen, dass die konkrete Hilfe für Straßenkinder nur ein Mittel zum Zweck gewesen sei, um die NGOs am Laufen zu halten. Ihre Argumentation – ich habe es mit eigenen Augen gesehen, und deshalb gilt die These allgemein – wirkt unfreiwillig komisch. Sie leitet jedoch zur nächsten über, der stärksten des Interviews.

Dritte These: NGOs bieten eine moderne Form des Ablasshandels. Sie verkaufen uns ein gutes Gewissen, sodass wir unsere Art zu leben nicht hinterfragen müssen. 

Braslavsky weitet ihre Diagnose aus: auf eine „Liebelei zwischen Wirtschaft und Moral“. Das heißt: Firmen – und dazu zählt sie auch NGOs – gaukeln uns vor, wir könnten wie bisher konsumieren, wenn wir nur die richtigen, also vermeintlich nachhaltigen Produkte nutzen oder gelegentlich etwas spenden. Die Autorin belegt auch diese Behauptung nicht, sie benennt aber, immerhin, einen zentralen Konflikt unserer Gegenwart: den Widerspruch zwischen Nachhaltigkeit und Konsum. Hier auch NGOs einzubeziehen, das ist zumindest ein überraschender Gedanke.

Letztlich aber ist das Interview mit Emma Braslavsky kein hilfreicher Beitrag zur Diskussion über NGOs. Vielmehr illustriert es – und ist deshalb am Ende doch lesenswert –, wie eine suggestive Argumentation Wirkung entfalten kann, trotz fehlender Fakten.

„NGOs produzieren Aufmerksamkeit und verkaufen ihren Kunden ein gutes Gefühl. Bei den entsprechenden Initiativen können Sie ein gutes Gewissen kaufen und zum Beispiel das Versprechen, dass jemand dafür sorgt, dass der ökologische Schaden, den Ihr Auto anrichtet, irgendwie wieder ausgeglichen wird, zum Beispiel durch eine Spende für den Erhalt des Regenwaldes. NGOs verkaufen uns das Gefühl, dass es okay ist, wie wir leben. Wir müssen nichts ändern und sind trotzdem moralisch auf der richtigen Seite.“

 

Hier entlang zum Originalbeitrag.

 

Jeden Montag- bis Freitagmorgen um 7 Uhr erscheint an dieser Stelle der Perspektivwechsel am Morgen. Hier finden Sie täglich einen Artikel, der zu einem aktuellen Tagesthema eine alternative Sichtweise bietet. In unserem Archiv finden Sie darüber hinaus Debattenübersichten zu den wichtigen politischen Themen unserer Zeit.

Wer steckt dahinter?

Maurus Jacobs
Kommt aus:Geboren in Kalifornien, aufgewachsen bei Hamburg, jetzt in Leipzig
Politische Position:Hat großes Interesse, komplexe Debatten in ihrer Vielfalt, aber übersichtlich darzustellen
Arbeitet für/als:Arbeitet für eine Hamburger Medienagentur
Was Sie noch wissen sollten:Maurus hat in Hamburg für die Bergedorfer Zeitung und Die Welt geschrieben. Er studiert am Deutschen Literaturinstitut.
Lies The Buzzard ab sofort in deinem E-Mail Postfach. Nein danke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.