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Kinderehen sind in den USA erlaubt – ändert sich daran bald etwas?
Kinderehen sind in den USA erlaubt – ändert sich daran bald etwas?
( Link zum Originalbild | Urheber: Gabby Orcutt Follow Message | Unsplash | CC0 Public Domain )

Der tägliche Blick über den Tellerrand mit The Buzzard.

Guten Morgen,

wenn man „Kinderehe“ hört, denkt man eher an Indien, Bangladesch oder Nigeria – und weniger an die USA, die sich bei jeder Gelegenheit als eines der fortschrittlichsten Nationen der Welt rühmen. In 117 Ländern sind Kinderehen noch immer erlaubt, wenn auch teilweise mit Einschränkungen.

Deutschland war übrigens bis vor Kurzem auch auf dieser Liste: Das Familiengericht konnte Minderjährige ab 16 Jahren vom Alterserfordernis der Ehemündigkeit befreien – seit Juli 2017 ist das nicht mehr möglich.

In den USA gibt es kein bundesweites Gesetz gegen Kinderehen. In 18 Staaten ist nicht mal ein Mindestalter für die Ehe festlegt und nur zwei Staaten, New Jersey und Delaware, verbieten Ehen für Minderjährige unter 18 Jahren komplett – und das auch erst seit 2018.

Idaho lehnt Beschränkungen für Kinderehen ab

Ende Februar lehnte das Repräsentantenhaus in Idaho einen Gesetzesentwurf ab, der das Mindestalter für eine Ehe auf 16 Jahre festgelegt hätte. Idaho hat den höchsten Anteil an Kinderehen in den USA: Zwischen 2000 und 2010 wurden circa 4.000 Minderjährige verheiratet.

Als Grund für die Ablehnung gaben einige Mitglieder des Repräsentantenhauses an, dass das Gesetz es einfacher gemacht hätte, mit 15 Jahren eine Abtreibung vornehmen zu lassen, als eine Familie für das gezeugte Kind zu gründen. Andere Gegner sprachen sich gegen die Einmischung der Regierung in persönliche Angelegenheiten aus, da die Zustimmung der Eltern ausreichen sollte.

Kinderehen haben meist einen kulturellen oder religiösen Hintergrund

Doch es gibt auch Aktivisten, die entschieden gegen Kinderehen vorgehen. So zum Beispiel Fraidy Reiss, Gründerin von „Unchained At Last“. Die gemeinnützige Organisation hilft Mädchen und Frauen, die ungewollt verheiratet worden sind oder mit einer solchen bevorstehenden Heirat konfrontiert sind. Reiss wurde selbst mit 19 Jahren gegen ihren Willen an einen 27-jährigen, fremden Mann verheiratet und, nachdem sie sich und ihre beiden Kinder aus der missbräuchlichen Ehe befreit hat, von ihrer Familie verstoßen.

Im Interview mit FORBES erzählt Reiss, dass Kinderehen meist kulturelle Hintergründe haben. Manche Opfer outen sich als LGBTQ und die Eltern würden denken, dass eine Ehe das „Problem“ beheben würde. Andere würden ungewollt schwanger, oft auch durch Vergewaltigungen, und die Eltern bestünden aus religiösen Gründen auf eine Ehe. Teilweise würden Kinder auch verheiratet, um ein Visum für den Ehepartner zu erlangen, oder es gehe um Geld.

Kinderehen sind vor allem für junge Mädchen eine Falle

Vor allem für junge Mädchen, die weit öfter als Jungen betroffen sind, seien Kinderehen eine böse Falle, denn in vielen Staaten könnten Minderjährige keine Scheidung einreichen. In manchen religiösen Gemeinschaften dürfe sich auch nur der Mann scheiden lassen, nicht aber die Frau. Zudem gelte in 38 Staaten Sex ohne Zustimmung nicht als Vergewaltigung, wenn Opfer und Täter verheiratet sind.

Reiss kritisiert, dass Kinderehen von den überwiegend männlich dominierten staatlichen Regierungen nicht ernst genommen würden, weil es sich um eine Frauenangelegenheit handelt. Aber es gebe auch ein wenig Hoffnung: In elf Staaten würden derzeit Gesetzesvorschläge diskutiert, die Eheschließungen für Minderjährige unter 18 Jahren verbieten sollen. Nevada sei einer dieser Staaten und habe die erste weiblich dominierte Regierung in der amerikanischen Geschichte – Reiss ist sicher, dass sich zumindest dort endlich etwas ändern wird.

„Nicht mal die Überlebenden, die sich bei uns Hilfe holen, wissen, dass sie Teil eines viel größeren Zusammenhangs sind. Es gab mal eine Überlebende, die ich vom Flughafen abgeholt und nach Hause gefahren habe. Das war ein ganz furchtbarer Fall, sie wurde unter vorgehaltener Waffe zur Heirat gezwungen, ich hatte sie befreit und wir haben uns über ‚Unchained At Last‘ unterhalten. Sie sagte: ‚Wow, mir war nicht bewusst, dass es hier so oft erzwungene Ehen gibt.‘ Das ist der Punkt – man denkt von den USA einfach nicht, dass sie ein Ort wären, an dem erzwungene Ehen und Kinderehen stattfinden.“

 

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Wer steckt dahinter?

Stephanie Berens
Kommt aus:Deutschland
Politische Position:Versteht sich als Feministin und interessiert sich für Gender und Queer Studies.
Arbeitet für/als:Studiert Amerikanistik im Master an der LMU München und ist Redakteurin bei The Buzzard.
Was Sie noch wissen sollten:Schreibt für das Münchner Studentenmagazin „unikat“ und hat bei The Buzzard sowie bei der Sedona Red Rock News in den USA Praktika absolviert.
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