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Wie sich die Impfgegner-Bewegung verbreitet hat und wie wir das in Zukunft verhindern können
Wie sich die Impfgegner-Bewegung verbreitet hat und wie wir das in Zukunft verhindern können
( Link zum Originalbild | Urheber: Myriam | Pixabay | CC0 Public Domain )

Der tägliche Blick über den Tellerrand mit The Buzzard.

Guten Morgen,

in den letzten Jahren hat sich die Theorie, dass Impfungen für Autismus verantwortlich sein können, immer weiter verbreitet. Seitdem diese These zum ersten Mal vor 20 Jahren geäußert wurde, ist sie vielfach durch zahlreiche anerkannte Studien mit Teilnehmern aus mehreren Ländern widerlegt worden. Trotzdem sind manche Eltern skeptisch und lassen ihre Kinder nicht impfen – mit fatalen Folgen: In Europa galt die Krankheit Polio als vollständig ausgerottet, bis 2015 in der Ukraine zwei Fälle bekannt wurden. Letzte Woche warnte Unicef davor, dass 2018 die Zahl der Masernerkrankungen in 98 Ländern extrem angestiegen sind, selbst in Ländern, in denen die Krankheit als beseitigt galt. Auch Deutschland habe zum wiederholten Mal das Ziel, Masern zu eliminieren, verfehlt. Die Weltgesundheitsorganisation stuft Impfgegner mittlerweile als globale Bedrohung ein.

Wo kommt sie eigentlich her, diese Theorie, dass Impfungen Autismus auslösen könnten? Die Journalistin Julia Belluz schreibt für VOX, dass der britische Mediziner Andrew Wakefield 1998 eine Studie im Fachmagazin The Lancet veröffentlichte, die angeblich einen Zusammenhang zwischen dem Mumps-Masern-Röteln-Impfstoff (MMR) und Autismus bewies. Belluz schreibt, dass die Studie von Anfang an nicht hätte veröffentlicht werden dürfen, weil sie unter mehreren fragwürdigen Bedingungen zustande kam.

Erstens habe Wakefield für seine Studie nur zwölf Teilnehmer verwendet. Zweitens sei die Studie streng genommen gar keine Studie, sondern ein Fallbericht, also ein detaillierter Bericht über die Krankheitsverläufe von spezifischen Patienten – nichts, wovon man derart kühne Thesen wie einen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und Autismus herleiten könne. Drittens habe Wakefield seine Ergebnisse manipuliert, wie der britische investigative Journalist Brian Deer herausgefunden habe. Viertens habe Wakefield Eltern vorgeschlagen, statt der MMR-Impfung separate Impfungen für jede der drei Krankheiten über einen längeren Zeitraum zu verabreichen – zur selben Zeit habe er Patente für diese separaten Impfstoffe angemeldet. Und fünftens habe Wakefield seine Ergebnisse nie repliziert und geprüft. Wakefield wurde übrigens seine Approbation entzogen.

Belluz argumentiert, dass der riesige Einfluss, den Wakefields Studie hatte, jedoch nicht allein seine Schuld ist. Sie wirft auch den Medien vor, Wakefield und seiner Studie eine solch große Plattform verschafft zu haben. Journalisten würden oft über schlechte Studien schreiben, ohne deren Methodik zu hinterfragen – entweder, weil sie zu kompliziert ist oder weil die Ergebnisse der Studie eben eine gute Geschichte hergeben. Um einen zweiten Fall Wakefield zu verhindern, seien zwei Dinge wichtig: Ein kritischerer Journalismus und ein Bildungssystem, das jungen Menschen beibringt, Dinge zu hinterfragen. Nur so könnte man fragwürdige Wissenschaft von vornherein erkennen und diskreditieren.

„Um die Verbreitung von zweifelhafter Wissenschaft wirklich zu stoppen, wird es mehr brauchen als eine kritischere Medienlandschaft. Wir müssen auch darüber nachdenken, wie wir fragwürdige Methoden und Theorien von vornherein verhindern, bevor sie sich überhaupt verbreiten können.“

 

Hier entlang zum Originalbeitrag.

 

Jeden Montag- bis Freitagmorgen um 7 Uhr erscheint an dieser Stelle der Perspektivwechsel am Morgen. Hier finden Sie täglich einen Artikel, der zu einem aktuellen Tagesthema eine alternative Sichtweise bietet. In unserem Archiv finden Sie darüber hinaus Debattenübersichten zu den wichtigen politischen Themen unserer Zeit.

Wer steckt dahinter?

Stephanie Berens
Kommt aus:Deutschland
Politische Position:Versteht sich als Feministin und interessiert sich für Gender und Queer Studies.
Arbeitet für/als:Studiert Amerikanistik im Master an der LMU München und ist Redakteurin bei The Buzzard.
Was Sie noch wissen sollten:Schreibt für das Münchner Studentenmagazin „unikat“ und hat bei The Buzzard sowie bei der Sedona Red Rock News in den USA Praktika absolviert.
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2 Gedanken zu “Wie sich die Impfgegner-Bewegung verbreitet hat und wie wir das in Zukunft verhindern können

  1. Schon der Titel dieses Artikels ist dem Medium nicht würdig.
    Wenn ich den Buzzard lese, dann weil ich Pro und Contra nebeneinander und sachlich dargestellt lesen möchte. Wenn man das Contra schon im Titel stigmatisiert, macht man sich unglaubwürdig. Nicht nur als Buzzard sondern als jedwedes journalistisches Medium. Dabei sind selbst etablierte Medien bisweilen in der Lage bei diesem Thema mal hinter die Pauschalunterstellung, alle Impfgegner seien Verschwörungstheoretiker, zu schauen. Erstaunlich, dass eine sich gerade eine offenbar als liberal verstehende Jungjournalistin auf die Seite der Pharma-Lobby schlägt. Dabei ist es gerade der letzte Absatz, dem sie hier selbst nicht treu wird: Das Etablierte einfach mal hinterfragen. Impfgegner*innen sind offensichtlich die Minderheit und werden bei jeder Gelegenheit auf das Übelste stigmatisiert. Sich eine Studie herauszupicken – an der 12 Personen teilgenommen haben – was ja schon dafür spricht, dass die „Wissenschaft“ gar keine Gelder bereitstellen würde für „echte“ Studien, die sich wirklich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigen. Der Graben ist tiefer als die Schreiberin Zeit hat zu recherchieren. Das ist bedauerlich für den Buzzard.

  2. Hallo Thomas, danke für deinen Kommentar. Bei diesem Text handelt es sich um eine Tagesempfehlung, nicht um eine Perspektive innerhalb einer unserer Debatten. Deshalb findet sich hier nur eine Position, die auch im Titel widergespiegelt wird. Die Argumentation stammt von Julia Belluz, deren Originalbeitrag auf VOX hier zusammengefasst wurde.

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