Die Rücknahme der IS-Kämpfer ist eine Chance, Radikalisierung in Zukunft zu verhindern
Die Rücknahme der IS-Kämpfer ist eine Chance, Radikalisierung in Zukunft zu verhindern
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Das Argument in Kürze

Mindestens 850 britische Staatsbürger zogen zwischen April 2013 und Juni 2018 nach Syrien, um sich dem IS anzuschließen. Viele wollen nun zurück und können es oft nicht, weil ihnen die Staatsbürgerschaft entzogen wurde. Das ist der absolut falsche Weg, sagt der britische Professor für Kriminologie Imran Awan und verdeutlicht seine Argumente bei AL JAZEERA. Die Rücknahme der IS-Kämpfer sei die einzige Möglichkeit, solche Radikalisierung in Zukunft zu verhindern.

Eine verfehlte Präventionsarbeit ist Schuld

Als Beispiel greift Awan die inzwischen 19-Jährige Shamima Begum heraus. Vor knapp vier Jahren reiste sie mit zwei Freundinnen von Großbritannien nach Syrien und schloss sich dem IS an. Inzwischen ist sie Mutter eines wenige Wochen alten Kindes und wartet in einem Flüchtlingslager in Nordsyrien darauf, nach Großbritannien zurückzukehren. Die britische Regierung entzog ihr jedoch die Staatsbürgerschaft und machte damit höchstens rechtspopulistische Twitter-Patrioten glücklich, wie Awan es ausdrückt.

Für ihn wäre die richtige Vorgehensweise, Shamima zurückzuholen und ihr eine Reintegration in die Gesellschaft zu ermöglichen. Dafür nennt er mehrere Gründe: Zum Beispiel sei sie zum Zeitpunkt ihrer Ausreise noch minderjährig gewesen. Vom britischen Staat wurde sie also offiziell noch als Schutzbefohlene angesehen. Laut dem britischen Professor ist es eine Verfehlung der Regierung, diesem Schutz nicht nachgekommen zu sein. Und zudem ein Beweis dafür, dass die bisherigen Präventionsprogramme, die eine solche Radikalisierung verhindern sollen, nicht funktionieren. Junge Erwachsene dürften nicht für einen Fehlern bestraft werden, den sie als Kind begangen hätten. Wenn außerdem die Menschen, die jahrelang in einem brutalen, frauenverachtenden System gelebt haben, nun keine Chance auf Wiedereingliederung erhalten, könnte sie das weiter in die Arme von Extremisten treiben, wo sie zu einer viel größeren Gefahr für Europa werden könnten, als sie es als reumütige Rückkehrer seien.

Rückkehrer als Chance wahrnehmen

Statt also die Rückkehr in eine offene, pluralistische Gesellschaft zu verhindern, solle sich Großbritannien am Beispiel Dänemarks orientieren, fordert Awan. Dort werden ehemalige dänische IS-Kämpfer aus den Kriegsgebieten zurückgeholt. In Dänemark werden sie dann, wenn nötig, vor Gericht gestellt und ansonsten bei der Wiedereingliederung unterstützt. Das geschieht etwa durch psychologische Beratung oder Hilfe bei der Arbeitssuche. Awan sieht in dieser Strategie eine Chance, die Präventionsarbeit umzukrempeln und erfolgreicher zu machen. Integrierte Rückkehrer könnten genau das glaubwürdige, abschreckende Beispiel sein, dass Jugendliche in Zukunft davon abhält, sich extremistischen Gruppen anzuschließen.

„Shamima war einmal das ‚Postergirl des IS‘. Jetzt hat die britische Regierung die Möglichkeit, aus ihr das Gesicht für eine neue, humane Methode zu machen, mit radikalisierten Jugendlichen umzugehen. Dieser jungen Frau die Möglichkeit zu nehmen, in ihr Heimatland zurückzukehren, wird alleine den Extremisten in die Hände spielen.“

 

Dieser Beitrag wird empfohlen von: Maika Schmitt

Wer steckt dahinter?

Imran Awan
Kommt aus:Großbritannien
Arbeitet für/als:Professor für angewandte Kriminologie in Birmingham.
Was Sie noch wissen sollten:gefragter Kriminologe und Experte für Islamophobie und Bekämpfung von Extremismus; Berater der britischen Regierung in Fragen islamophober Verbrechen; Mitglied im International Network for Hate Crime Studies und im Advisory Committee for the Measuring Anti-Muslim Attacks Project.
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