Zurück zur Debattenübersicht
Wir müssen gendern, sonst bleiben Frauen in der Sprache unsichtbar
Wir müssen gendern, sonst bleiben Frauen in der Sprache unsichtbar
( Link zum Originalbild | Urheber: Darius Bashar | Unsplash | CC0 Public Domain )

Das Argument in Kürze:

„Lehrer“, „Denker“, „Dealer“ – in ihrer Standardform sind viele deutsche Substantive männlich. Zumindest grammatikalisch. In der Sprachwissenschaft heißt das generisches Maskulinum. Und dieses generische Maskulinum ist ein Problem, findet die Autorin Antje Schrupp. Denn es führe dazu, dass Frauen in der deutschen Sprache unsichtbar werden. Und Männer immer mitgemeint sind, auch wenn es gar nicht um sie geht.

 

 

Sind Frauen „mitgemeint“? Seit den 1970ern wird gestritten

Seit den 1970ern streiten Sprachwissenschaftler*innen und Feminist*innen über die Standardform deutscher Substantive. Denn viele Substantive sind im Deutschen zunächst männlich: Taxifahrer, Professor, Arzt. Weiblich werden die Worte erst, wenn die Endung -in angehängt wird. Dann wird aus dem Taxifahrer die Taxifahrerin, aus dem Professor die Professorin.

Im Februar und März 2018 ist die Debatte neu entflammt. Die Rentnerin Marlies Krämer wehrte sich vor Gericht dagegen, dass sie von ihrer Sparkasse als „Kunde“ angesprochen wird und nicht als „Kundin“. Sie löste eine Diskussion aus, die quer durch die Zeitungen, Fernsehshows und Blogs der Republik ging.

Auch für Antje Schrupp gab der Streit Anlass, sich wieder grundlegend mit dem Gendern zu beschäftigen. Ihre Position ist klar: Der Widerstand von Frauen wie Marlies Krämer sei wichtig. Denn er mache deutlich, dass Frauen in unserer Sprache noch immer unsichtbar bleiben. Frauen würden oft „mitgemeint“, aber nicht explizit genannt.

Der Grund dafür sei historisch: Bis zur Emanzipation waren Frauen in vielen Feldern eben tatsächlich nicht „mitgemeint“. Sie konnten bestimme Berufe und Rollen nicht ausüben. Deshalb sei die Grundform in diesen Bereichen grammatikalisch männlich: Der Politiker, der Richter, der Arzt im Gegensatz zur Hausfrau.

Heute ist das nicht mehr so. Und eine einfache Lösung diesem kulturellen Wandel sprachlich gerecht zu werden gibt es auch. Einfach ein -in anhängen, schon sei klar, dass die Frau und eben nicht der Mann gemeint ist.

Männer haben Angst, Macht zu verlieren

Doch obwohl es so einfach sein könnte, wird es nicht gemacht. Im Gegenteil: Institutionen wie die Sparkasse wehren sich vor Gericht dagegen, Leitartikel sind voller wütender Kommentare, in den Talkshows der Republik wird heftig debattiert. Und genau das erschließt sich Schrupp nicht: Warum dieser heftige Widerstand? Sie schreibt: „Denn anders als im 19. Jahrhundert will man Frauen heute ja mitmeinen. Die Sparkasse Sulzbach zum Beispiel hat ja sicher nichts gegen weibliche Kundinnen, umwirbt sie vielleicht sogar. Warum also dieser absurde Aufwand, nur um sie nicht auch mit einer weiblichen sprachlichen Form ansprechen zu müssen?“

Der Grund müsse tiefer liegen, folgert Schrupp. Sie glaubt, die Wut und der Frust hänge mit der Tatsache zusammen, dass Männer mit gegenderter Sprache ihren Anspruch verlieren, die Allgemeinheit zu repräsentieren:

„Männer sind nur ein Teil der Menschheit, und zwar ein spezifischer Teil, der nicht den Anspruch erheben kann, für uns zu sprechen. Das ist aber eine Erkenntnis, die viele Männer überhaupt nicht hören wollen, und die sie zuweilen auch gar nicht verstehen.“

Der Beitrag wird empfohlen von: Dario Nassal.

Wer steckt dahinter?

Antje Schrupp
Kommt aus:Frankfurt am Main
Politische Position:Schrupp schreibt viele Texte aus feministischer Perspektive. Beispielsweise in ihrem Blog “aus Liebe zur Freiheit” oder in ihren Texten für die Kolumne “10 nach 8” auf ZEIT Online und ihrem Blog für die österreichische Tageszeitung Der Standard. Über ihre Beziehung zum Feminismus schreibt Schrupp auf ihrem Blog für den Standard: „Vom Feminismus "angesteckt" wurde ich 1994, als ich über Chiara Zamboni das Denken italienischer Feministinnen kennenlernte und entdeckte, dass Feministin zu sein nicht bedeutet, bestimmte Meinungen zu haben oder Programme vertreten zu müssen, sondern frei zu sein, dem eigenen Begehren zu folgen. Und einen Sinn in der Tatsache zu finden, dass ich eine Frau bin. Die Liebe der Frauen zur Freiheit und zur Welt ist es, die mich seither bewegt und inspiriert.“
Arbeitet für/als:Politikwissenschaftlerin, Bloggerin, Journalistin und Buchautorin
Was Sie noch wissen sollten:Schrupp hat Politikwissenschaft, Philosophie und evangelische Theologie in Frankfurt studiert. 1999 hat sie im Bereich Gesellschaftswissenschaften promoviert mit einer Arbeit über die Ideen der Frauen der Ersten Internationale. 2012 hat sie den Publikumspreis „Goldener Blogger“ für ihren Blog antjeschrupp.com erhalten; 2015 den Hauptpreis der „Else-Mayer-Stiftung“ für ihr publizistisches Werk für die Rechte der Frauen.
Lies The Buzzard ab sofort in deinem E-Mail Postfach. Nein danke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.