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Wie beeinflusst Sprache unser Bewusstsein?
Wie beeinflusst Sprache unser Bewusstsein?
( Link zum Originalbild | Urheber: geralt | pixabay | CC0 Public Domain )

Das Argument in Kürze

Da ist eine Ameise auf deinem südlichen Fuß.“ Manche Völker verwenden statt „rechts“ und „links“ Himmelsrichtungen. Das kann die Sicht auf die Welt beeinflussen, erklärt Katrin Weigmann in einem Beitrag für SPEKTRUM.DE. Aber ist Sprache eine Voraussetzung für das Denken? Nein, sagt die Wissenschaftsjournalistin: Auch Tiere können komplexe Aufgaben lösen, ohne auf Wörter und Sätze zurückgreifen zu müssen. Sprache beeinflusse unser Denken also weniger stark, als man annehmen könnte.

Am Anfang war das Wort…“

In der ersten Zeile seines Evangeliums sagt Johannes, dass die Sprache der Ursprung ist. Dennoch erledigt der Mensch viele Tätigkeiten, ohne dass Wörter oder ein Sprachsystem nötig sind, argumentiert Weigmann. Beispiele dafür seien Puzzles, oder das Drehen von Figuren in einem IQ-Test.

Auch in der Tierwelt sieht sie Belege dafür, dass die Welt auch ohne die Benutzung von Sprache möglich ist: So würden Affen in Untersuchungen Strichlängen vergleichen und Bilder wieder erkennen und sogar Wetten auf ihre Aussagen abschließen können.

Über das eigene Wissen nachzudenken, bezeichnen Forscher als Metakognition. Lange sei man davon ausgegangen, dass diese Fähigkeit sprachgebunden ist. Weigmann bezieht sich hier jedoch auf eine sehr enge Definition von Sprache – bestehend aus Wörtern und komplexen Satzstrukturen. Allerdings können auch bloße Lautfolgen, Duftstoffe oder Körperhaltungen als Sprache verstanden werden. Tiere würden nach dieser Auslegung ebenfalls mittels Sprache kommunizieren.

Babylonisches Sprachengewirr

Sprache sei nötig, um Gedanken zu ordnen. Wie stark aber eine bestimmte Sprache die Gedankenwelt der Sprechenden beeinflusst, sei noch nicht geklärt. Weigmann zeigt allerdings an einigen Beispielen, dass sprachliche Unterschiede durchaus zu verschiedenen Sichtweisen auf die Welt führen können.

Zum Beispiel gibt es für das Volk der Tarahumara aus dem nördlichen Mexiko keinen Unterschied zwischen grün und blau. Das hat einen Einfluss auf das Empfinden von Farbschattierungen, merkt Weigmann an. Auch in anderen Sprachen fällt die sehr detaillierte oder aber nicht vorhandene Unterscheidung von Farben auf.

Beim Raumverständnis unterschieden sich Sprachen ebenfalls. Die Sprache der Guugu Yimithirr – einem Stamm der Aborigines – sind dafür ein besonderes Beispiel. Ihre Sprache verwendet keine Richtungsangaben, die sich auf den Sprechenden beziehen. Sie orientiert sich an Himmelsrichtungen. So wäre der Satz: „Die Brille liegt nordöstlich vom Telefon“ auf Guugu Yimithirr völlig logisch.

Anders als wir verwenden die Sprechenden also stets ihren inneren Kompass, um Dinge im Raum zu bestimmen, so Weigmann.

Wie komplex das Verhältnis verschiedener Sprachen zum Denken ist, erläutert die Psychologin Lera Boroditsky in einer unserer Empfehlungen der Rubrik „Tiefer eintauchen“.

Orwells „Neusprech“

Welche Auswirkungen Sprache auf eine Gesellschaft haben kann, verdeutlicht die Autorin mit George Orwells Roman „1984“. Dort zwingt der Überwachungsstaat den Bürgern eine neue Sprache auf, die es unmöglich machen soll, differenziert zu denken. Umsturzversuche sind so mangels Sprache kaum mehr möglich.

Doch auch wenn sich in Orwells Dystopie viele Parallelen zur heutigen Gesellschaft ausmachen lassen, beruhigt Weigmann:

Ganz so weit ist es bis 1984 nicht gekommen und wird es wohl auch in Zukunft nicht. Sprache beeinflusst unser Denken, aber eben doch nicht in diesem Ausmaß.“

Dieser Beitrag wird empfohlen von: Patrick Ehrenberg

 

Tiefer eintauchen:

  • Für mehr Tiefgang zum Zusammenhang zwischen Sprache und Bewusstsein empfehlen wir den SPEKTRUM-Beitrag der Stanford-Professorin für kognitive Psychologie Lera Boroditsky.
  • Welche Macht unsere Worte habe, erläutert auch Claudia Wüstenhagen in einem sehr umfassenden und äußerst empfehlenswerten Artikel in der ZEIT.

Wer steckt dahinter?

Katrin Weigmann
Kommt aus:Deutschland
Arbeitet für/als:Wissenschaftjournalistin
Was Sie noch wissen sollten:Weigmann ist promovierte Biologin.
Lies The Buzzard ab sofort in deinem E-Mail Postfach. Nein danke

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