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Soziale Netzwerke helfen den Versöhnern – und den Spaltern
Soziale Netzwerke helfen den Versöhnern – und den Spaltern
( Link zum Originalbild | Urheber: Hossam el-Hamalawy | flickr | CC BY-SA 2.0 )

Das Argument in Kürze:

Soziale Netzwerke haben Demokratie-Bewegungen wie den Arabischen Frühling erst möglich gemacht, erklärt die Techniksoziologin Zeynep Tufekci in einem Beitrag für MIT TECHNOLOGY REVIEW: Menschen konnten sich gemeinsam für Veränderungen einsetzen und sich organisieren, abseits staatlicher Einflusszonen. Doch diese Technologien haben auch eine hässliche Kehrseite, sodass sie mittlerweile eher eine Bedrohung als ein Katalysator für die Freiheit sind.

Soziale Netzwerke als zweischneidiges Schwert

Der Arabische Frühling ab 2011 war geprägt von jungen Menschen mit Smartphones und Optimismus, erinnert sich Zeynep Tufekci: Ein digital entstandenes Gemeinschaftsgefühl ersetzte den Eindruck individueller Hilflosigkeit. Zudem erleichterten es die sozialen Medien, Bilder und Videos etwa über Polizeigewalt zu verbreiten. Was viele jedoch nicht erkannt hatten oder aus Euphorie nicht erkennen wollten: dass (neue) staatliche Machthaber daraus lernen und die neuen Medien bald für sich nutzbar machen würden.

Neue Web-Technologien haben laut Tufekci den Informationsfluss verändert und die traditionellen Gatekeeper wie Journalisten, Regierungen oder auch Institutionen der Wissenschaft weitgehend entmachtet. An deren Stelle seien dafür die großen Plattformbetreiber wie Google und Facebook getreten. Das Geschäftsmodell dieser neuen, „algorithmischen Gatekeeper“ lebt von der gezielten Ansprache ganz spezifischer Nutzergruppen, was auch für politische Akteure interessant ist. Das ermögliche aber auch Desinformation, Propaganda und eine Polarisierung der öffentlichen Debatte. Die Anonymität von Twitter beispielsweise vereinfache sowohl die Arbeit von Aktivisten gegen autoritäre Regime, als auch die von Trollen, Bots oder Verschwörungstheoretikern. Extreme Positionen haben der Autorin zufolge dabei einen wesentlichen Vorteil im Wettlauf um Aufmerksamkeit, wofür Donald Trump ein passendes Beispiel darstelle.

Somit hätten die sozialen Medien es also erleichtert, staatliche Medienkontrolle und Zensur zu umgehen, gleichzeitig aber mehr Unübersichtlichkeit und neue Formen der gezielten Einflussnahme mit sich gebracht. Zeynep Tufekci macht es sich zwar etwas einfach, da all das in der Rückschau als unvermeidliche, logische Entwicklung erscheinen muss. Dennoch zeigen ihre Beispiele der letzten Jahre anschaulich, wie die optimistisch begrüßte Technologie inzwischen eher Spaltung und Verdruss produziert:

„Durch digitale Plattformen konnten sich Gemeinschaften auf neue Art zusammenfinden. Doch sie haben auch bestehende Gemeinschaften auseinandergetrieben: solche, die die gleichen Fernsehnachrichten geschaut oder die gleichen Zeitungen gelesen haben. All das verliert an Bedeutung, wenn die durch Algorithmen verbreiteten Informationen darauf ausgelegt sind, den Umsatz zu maximieren und die Menschen an ihre Smartphones zu heften.“

Der Beitrag wird empfohlen von: Frank Kaltofen.

 

Weitere Lesetipps von The Buzzard:

  • Wie die Gelbwesten in Frankreich Facebook nutzten, um sich zu organisieren, hat u.a. die NEW YORK TIMES beleuchtet. Die TAZ kommentiert, beim Einfluss sozialer Medien auf politische Entwicklungen werde mit zweierlei Maß gemessen.
  • Das Buch „LikeWar: The Weaponization of Social Media“ widmet sich der politischen Nutzung von Facebook, Instagram und Co. Die WASHINGTON POST stellt das Buch und seine Thesen vor.

 

Wer steckt dahinter?

Zeynep Tufekci
Kommt aus:geboren in Istanbul, lebt als Sozialwissenschaftlerin in den USA
Arbeitet für/als:Autorin und Wissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Technik-Soziologie; unterrichtet an der School of Information and Library Science der University of North Carolina
Was Sie noch wissen sollten:Tufekci ist seit mehreren Jahren eine gefragte Referentin zu Themen des gesellschaftlichen Wandels durch moderne Technologien wie Social Media und deren Bedeutung für soziale Bewegungen. 2017 veröffentlichte sie dazu das Buch „Twitter and tear gas: the power and fragility of networked protest“.
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