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Die dritte Geschlechtsoption geht nicht weit genug
Die dritte Geschlechtsoption geht nicht weit genug
( Link zum Originalbild | Urheber: Elias Schäfer | Pixabay | CC0 Public Domain )

Der tägliche Blick über den Tellerrand mit The Buzzard.

Guten Morgen,

seit letzter Woche ist es offiziell: In Deutschland gibt es nun ein drittes Geschlecht. Neben „männlich“ oder „weiblich“ kann jetzt auch die Option „divers“ ins Geburtenregister eingetragen werden. Die Reform des Personenstandsgesetzes kam einer Anordnung des Bundesverfassungsgerichts vom Oktober 2017 nach.

Kritiker aus den Reihen der Linken und Grünen sowie aus der LGBTI-Community finden jedoch, dass das Gesetz nicht weit genug geht. Moritz Prasse, Pressesprecher der Kampagnengruppe „Dritte Option“, nennt im Interview mit PULS vier Gründe dafür.

  1. Das Gesetz richte sich ausschließlich an intergeschlechtliche Menschen, deren biologische Merkmale nicht eindeutig als männlich oder weiblich kategorisiert werden können. Andere Menschen, deren Körper zwar eindeutig klassifiziert werden kann, die sich aber trotzdem nicht dem binären Geschlechtersystem zugehörig fühlen, dürften von der Neuregelung keinen Gebrauch machen. Geschlecht werde somit weiterhin auf Biologie reduziert – das Selbstbestimmungsrecht werde missachtet.
  2. Intergeschlechtliche Menschen bräuchten ein medizinisches Gutachten, um sich als „divers“ eintragen lassen zu können. Prasse findet das nicht zeitgemäß – andere Länder würden die Gutachtenpflicht gerade abschaffen, während Deutschland immer noch daran festhält. In einer Stellungnahme der Kampagne „Dritte Option“ beschreibt eine betroffene Person den Frust über die Gutachten: „Ich weiß selber am besten, wer ich bin. Warum sollte ich, nach dem die Medizin mir gesagt hat, dass ich falsch bin und angepasst werden muss, jetzt ausgerechnet zu Ärzt*innen gehen, um als Inter* anerkannt zu sein?“
  3. Eltern hätten kein Mitspracherecht bei der Eintragung ihrer Kinder. Wenn ein Kind nicht eindeutig als männlich oder weiblich eingeordnet werden kann, würde der Arzt das Kind als „divers“ eintragen. Die Eltern könnten nicht entscheiden, dass das Kind einem bestimmten Geschlecht zugeordnet wird, beispielsweise wenn sie um die gesellschaftliche Akzeptanz ihres Kindes fürchten.
  4. Das neue Gesetz enthalte keine Folgeregelungen. Prasse fragt sich zum Beispiel, an welchem Sportunterricht Kinder mit dem Eintrag „divers“ teilnehmen können, wenn der Unterricht nach Mädchen und Jungs getrennt ist. Oder welche öffentliche Toiletten Menschen mit dem Eintrag „divers“ benutzen sollen. Oder was die Neuregelung für Frauenquoten in Aufsichtsräten bedeutet. Die fehlenden Folgeregelungen bedeuten laut Prasse, „dass Betroffene ihre Wünsche jedes Mal einzeln durchkämpfen müssen. Das ist sehr schade, zeitaufwendig und nervenaufreibend.“

„Es wurde die historische Chance vertan, ein umfassendes Geschlechtervielfaltsgesetz zu schaffen, das nicht mehr in den 80er oder 90er Jahren festhängt, sondern zeitgemäß ist und umfassend alles in Bezug auf Geschlecht in dieser Gesellschaft neu regelt. Was wir kritisieren: Dieses Gesetz ist eine absolute Minimallösung und wird überhaupt nicht dem Bedarf der Betroffenen gerecht.“

Hier entlang zum Originalbeitrag.

Jeden Montag- bis Freitagmorgen um 7 Uhr erscheint an dieser Stelle der Perspektivwechsel am Morgen. Hier finden Sie täglich einen Artikel, der zu einem aktuellen Tagesthema eine alternative Sichtweise bietet. In unserem Archiv finden Sie darüber hinaus Debattenübersichten zu den wichtigen politischen Themen unserer Zeit.

Wer steckt dahinter?

Stephanie Berens
Kommt aus:Deutschland
Politische Position:Versteht sich als Feministin und interessiert sich für Gender und Queer Studies.
Arbeitet für/als:Studiert Amerikanistik im Master an der LMU München und ist Redakteurin bei The Buzzard.
Was Sie noch wissen sollten:Schreibt für das Münchner Studentenmagazin „unikat“ und hat bei The Buzzard sowie bei der Sedona Red Rock News in den USA Praktika absolviert.
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