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Warum ich in einer Welt mit genmanipulierten Menschen nicht leben möchte
Warum ich in einer Welt mit genmanipulierten Menschen nicht leben möchte
( Link zum Originalbild | Urheber: NCVO London | flickr | CC BY 2.0 )

Das Argument in Kürze:

Wenn die Manipulation menschlicher Gene zur Regel werde, warnt der Bioethiker Joel Michael Reynolds im TIME MAGAZINE, drohten alle Abweichungen von der Norm schon vor der Geburt korrigiert zu werden. Damit würden wir ganze Lebenswelten als unwürdig diskreditieren und nur noch jenes Leben dulden, das die breite Masse für erstrebenswert halte. Der Ausgangspunkt für Reynolds Sicht ist ein persönlicher: die Geschichte seines mit einer seltenen Behinderung geborenen Bruders Jason.

Einschränkung  oder einfach Teil seines Wesens?

Jasons Lachen, schreibt Reynolds, konnte einen ganzen Raum erhellen. Er sei ein lebensfrohes Kind gewesen, trotz fehlgebildeter Muskeln, Bewegungsstörungen, extremer Kurzsichtigkeit und seiner geistigen Behinderung.

Für seine Umwelt schien nebensächlich zu sein, ob Jason litt oder nicht: Seine Familie betete ebenso für seine Heilung wie ihre Kirchengemeinde. Ärzte versuchten unter großen Anstrengungen, die Symptome der Behinderung zu bekämpfen. Wozu eigentlich, fragt sich Joel Michael Reynolds heute.

Jasons Einschränkungen seien zentral dafür gewesen, wie er die Welt sah, in der er so gerne lebte. Zu hoffen, dass er sich möglichst „normal“ entwickle, habe immer auch bedeutet, Jason zu einem Menschen machen zu wollen, der er nicht war – zu einem, der denkt und sich bewegt wie Milliarden andere.

Eine Behinderung ist keine Krankheit

Wenn der medizinische Fortschritt es nun erlaube, Behinderungen – aber auch rein ästhetische Makel – vorab zu erkennen und durch genetische Veränderungen zu verhindern, könnte es Menschen wie Jason bald nicht mehr geben. Zwischen den Zeilen wirft Reynolds so die Frage auf, ob wir in einer Welt leben wollen, in der nur noch die Norm akzeptiert wird. Es sei Aufgabe der Gesellschaft, die Balance zwischen Diversität und Fortschritt zu finden.

Diesem Fortschritt möchte Reynolds sich ausdrücklich nicht verwehren: Natürlich solle man die Genschere und ihre Potenziale nutzen, um Krebs zu heilen oder Schmerzen zu lindern. Doch es brauche auch eine klare Trennung von Krankheiten und Leid auf der einen Seite und ästhetischen Makeln und Behinderungen auf der anderen Seite. Behinderungen seien nicht zwingend mit Leid gleichzusetzen.

Balance zwischen Fortschritt und Vielfalt

Reynolds Text ist ungewöhnlich: Statt sich dem Thema als Bioethiker wissenschaftlich zu nähern, reflektiert er die Problematik auf einer beinahe gänzlich persönlichen Ebene. Das Ergebnis ist ein bewegender Text, der an vermeintlichen Gewissheiten rüttelt und die Leserinnen und Leser zu einer Abwägung zwingt: Was definieren wir als einen Eingriff zum Wohl des Individuums? Und wo beginnen Gleichmacherei und Optimierung?

„Ich habe die Sorge, dass wir Menschen in unserer Hast sie heilen zu wollen, nur zu den Menschen machen, die wir gerne haben wollen. Wir beten nicht für Heilung, sondern dafür, dass andere so werden wie wir.“

Dieser Beitrag wird empfohlen von: Jannis Carmesin

Wer steckt dahinter?

Joel Michael Reynolds
Kommt aus:USA
Politische Position:Keine Informationen zu seiner politischen Haltung, beschreibt sich aber als religiösen Menschen.
Arbeitet für/als:Dozent für Philosophie an der Universität Massachusetts Lowell und Rice Family Fellow am Hastings Center in Garrison (New York). Er befasst sich vor allem mit der philosophischen Dimension menschlicher Behinderungen und Fragen der Bioethik.
Was Sie noch wissen sollten:Reynolds Arbeit ist auch persönlich beeinflusst: Sein Bruder Jason wurde mit der seltenen Muskel-Auge-Gehirn-Krankheit geboren.
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