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Warum das Terminservice- und Versorgungsgesetz mehr schadet als hilft
Warum das Terminservice- und Versorgungsgesetz mehr schadet als hilft
( Link zum Originalbild | Urheber: Holger Langmaier | Pixabay | CC0 Public Domain )

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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat in letzter Zeit nicht nur im Zusammenhang mit dem CDU-Vorsitz Schlagzeilen gemacht: Auch sein neuer Gesetzentwurf mit dem Namen „Terminservice- und Versorgungsgesetz“ (TSVG) wird heftig kritisiert. Bereits 139.000 Menschen haben eine Petition des Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten unterzeichnet, die das Gesetz verhindern soll. Doch was schlägt Spahn eigentlich genau vor und was ist so schlimm daran? Eine anonyme Autorin erklärt das in einem Beitrag für NEON – und bezieht dabei auch ihre eigenen Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen ein.

„Psychische Erkrankungen sind auch so schon schwer genug“

Die Autorin schreibt, dass das TSVG eigentlich schnellere Termine bei Psychotherapeuten und eine bessere Versorgung der Patienten ermöglichen soll. Dazu sollen Patienten vor dem Beginn einer Psychotherapie einen Termin bei einem speziellen Arzt oder Psychotherapeuten bekommen, der dann die Dringlichkeit einer Therapie einschätzt. Das sei aus zwei Gründen völliger Quatsch, betont die Autorin.

Erstens sei der Gang zu einem Arzt bei vielen betroffenen Patienten sowieso schon eine extrem hohe Belastung. Wenn ein Patient nun eine weitere vorgeschaltete Person von seiner Krankheit überzeugen muss, sei das eine weitere Hürde in einem bereits sehr mühsamen und schweren Prozedere, um einen Termin bei einem Psychotherapeuten zu bekommen. Dabei bräuchten Betroffene vor allem schnelle und leicht zugängliche Hilfe. Dazu komme, dass Patienten dem vorgeschalteten Arzt oder Psychotherapeuten „enorme, hoch schambesetzte seelische Belastungen“ schildern müssten, obwohl sie ihn nicht kennen und keine Vertrauensbasis mit ihm aufgebaut haben.

Die Autorin des Beitrags schildert, dass sie zehn Jahre lang mit Depressionen gelebt hat, bevor sie einen Termin bei ihrem Hausarzt gemacht hat. Der Anruf sei schwer gewesen. Im Wartezimmer habe sie geweint und sich immer wieder überlegt, ob sie nicht doch lieber gehen sollte – aus Angst davor, nicht ernst genommen zu werden. „Wenn ich dazwischen noch ein Vorgespräch mit einem Dritten hätte haben müssen, dem ich wieder ‚beweisen‘ muss, dass ich krank bin, hätte ich das Ganze vielleicht komplett abgeblasen. Allein die Überforderung, sich einen freien Therapieplatz suchen zu müssen, ist unglaublich kräftezehrend,“ schreibt sie. Auch nach der Diagnose durch ihre Hausärztin habe sie panische Angst vor dem Erstgespräch mit einem Therapeuten gehabt.

Der zweite Grund, warum das TSVG mehr schade als helfe, sei, dass die Einschätzung eines vorgeschalteten Arztes schlicht nicht benötigt werde. Ärzte und Psychotherapeuten könnten selbst Krankheiten diagnostizieren und Behandlungspläne aufstellen – warum sollte das also vorher schon jemand anderes machen? Zudem wäre es sinnvoller, wenn sie direkt Betroffene behandeln könnten, anstatt Zeit darauf zu verwenden, Vorgespräche mit Patienten zu führen, die sie danach nie wieder sehen. Spahns Gesetzentwurf würde also mehr schaden als nützen – was umso schlimmer wäre, weil es sowieso schon so schwierig ist, einen Therapieplatz zu bekommen.

„Das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) soll für schnellere Termine und bessere Versorgung sorgen. Klingt erst mal super, aber für Hilfesuchende mit psychischen Erkrankungen wäre dieses Gesetz eine Katastrophe. Warum ich das weiß? Weil ich selbst Hilfe gesucht habe. Fast zehn Jahre hat es gedauert, bis ich mich dazu durchgerungen habe, mir einzugestehen, dass ich krank bin und da alleine nicht mehr raus komme.“

Hier entlang zum Originalbeitrag.

Jeden Montag- bis Freitagmorgen um 7 Uhr erscheint an dieser Stelle der Perspektivwechsel am Morgen. Hier finden Sie täglich einen Artikel, der zu einem aktuellen Tagesthema eine alternative Sichtweise bietet. In unserem Archiv finden Sie darüber hinaus Debattenübersichten zu den wichtigen politischen Themen unserer Zeit.

Wer steckt dahinter?

Stephanie Berens
Kommt aus:Deutschland
Politische Position:Versteht sich als Feministin und interessiert sich für Gender und Queer Studies.
Arbeitet für/als:Studiert Amerikanistik im Master an der LMU München und ist Redakteurin bei The Buzzard.
Was Sie noch wissen sollten:Schreibt für das Münchner Studentenmagazin „unikat“ und hat bei The Buzzard sowie bei der Sedona Red Rock News in den USA Praktika absolviert.
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