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Mischt sich YouTube aktiv in demokratische Prozesse ein?
Mischt sich YouTube aktiv in demokratische Prozesse ein?
( Link zum Originalbild | Urheber: StockSnap | Pixabay | CC0 )

Der tägliche Blick über den Tellerrand mit The Buzzard.

Guten Morgen,

das Videoportal YouTube ist gerade bei jungen Menschen sehr beliebt, 100 Prozent der 14- bis 19-Jährigen nutzen es. Natürlich finden sich unter den tausenden Videos, die täglich hochgeladen werden, auch problematische Inhalte – zuletzt geriet der YouTuber Max Herzberg ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Er testet auf YouTube Konsumartikel, hat rund 285.000 Abonnenten, steht aber gleichzeitig der rechten Szene nahe und lässt gelegentlich menschenverachtende Kommentare vom Stapel. Seine Zuschauer sind vor allem Jugendliche.

Ein weniger bekanntes Phänomen ist, dass das Unternehmen YouTube selbst versucht, auf demokratische Prozesse einzuwirken. Diesem Thema widmet der Journalist und Lobbyist Christoph Keese (siehe Anmerkung unten) eine Analyse in der WELT. Anlass ist die EU-Urheberrechtsreform. Sie sorgte auf YouTube für Empörung und Angst. YouTuber warnten, dass die Copyright-Verschärfungen YouTube zerstören könnten. Schon nächstes Jahr werde es die Plattform nicht mehr geben. Die YouTuber drehten diese Videos auf Veranlassung der YouTube-Chefin Susan Wojcicki; denn die setzt sich sehr aktiv gegen die EU-Richtlinie ein.

Und gerade hier sieht Keese das Problem. YouTube nutzt, schreibt er, seine Macht und Reichweite, um politische Interessen durchzusetzen. Zweifelhaft ist die Methode nicht nur, weil sie vor allem junge Menschen zu beeinflussen versucht, die noch wenig Erfahrung damit haben, Wahrheit von Propaganda zu unterscheiden. Sie ist auch deshalb problematisch, weil YouTube bewusst falsche Informationen verbreitet. Dass die Plattform nämlich tatsächlich 2019 in den EU-Staaten geschlossen wird, sei Unsinn – allein schon aus wirtschaftlichen Gründen werde die Google-Tochter YouTube den Markt keinesfalls räumen. Ganz abgesehen davon, dass es sich bei der EU-Reform bloß um eine Richtlinie handle und mit nationalen Gesetzen erst 2021 zu rechnen sei. Keese wirft Google und YouTube vor, politische Interessen höher zu werten als eine konstruktive Teilnahme am gesellschaftlichen Prozess.

„YouTube verbreitet Angst unter Jugendlichen: Das Unternehmen behauptet, wegen der geplanten Urheberrechtsreform der EU könnte das Portal bald schließen. Das ist unwahr – und schadet auch dem Diskurs über ein Problem unseres medialen Zeitalters.“

 

Anmerkung: Christoph Keese ist eine sehr umstrittene Figur. Er gilt als Chef-Lobbyist von Axel Springer, 2014 warf ihm der Medienjournalist Stefan Niggemeier vor, bewusst Unwahrheiten zu verbreiten, auch hat sich Keese, wie er im hier empfohlenen Text zugibt, selbst für die Änderung des Urheberrechts eingesetzt, ist bei dem Thema also voreingenommen. Warum ich seinen Text trotzdem empfehle? Weil er, wie ich glaube, in seiner Analyse auf ein Problem hinweist, dass auch in Zukunft von großer Bedeutung sein kann: den Einfluss von Plattformen wie YouTube auf politische Diskurse. Von wem das Argument kommt, scheint mir daher zweitrangig.

 

Hier entlang zum Originalbeitrag.

 

Jeden Montag- bis Freitagmorgen um 7 Uhr erscheint an dieser Stelle der Perspektivwechsel am Morgen. Hier finden Sie täglich einen Artikel, der zu einem aktuellen Tagesthema eine alternative Sichtweise bietet. In unserem Archiv finden Sie darüber hinaus Debattenübersichten zu den wichtigen politischen Themen unserer Zeit.

Wer steckt dahinter?

Maurus Jacobs
Kommt aus:Geboren in Kalifornien, aufgewachsen bei Hamburg, jetzt in Leipzig
Politische Position:Hat großes Interesse, komplexe Debatten in ihrer Vielfalt, aber übersichtlich darzustellen
Arbeitet für/als:Arbeitet für eine Hamburger Medienagentur
Was Sie noch wissen sollten:Maurus hat in Hamburg für die Bergedorfer Zeitung und Die Welt geschrieben. Er studiert am Deutschen Literaturinstitut.
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