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Es gibt mehr Gemeinsamkeiten mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als wir glauben
Es gibt mehr Gemeinsamkeiten mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als wir glauben
( Link zum Originalbild | Urheber: Rolf Kranz | Wikimedia Commons | CC-BY-SA 4.0 )

Das Argument in Kürze:

Für Feierlichkeiten zum Kriegsende 1918 bestehe kaum Anlass, argumentiert die Kolumnistin und ehemalige türkische Ministerin für Europa-Angelegenheiten Beril Dedeoğlu. Sie sieht in der heutigen geopolitischen Lage große Ähnlichkeiten zur Situation vor dem Ersten Weltkrieg. Denn auch heute stehen sich viele Länder teils feindselig gegenüber. Allerdings tragen sie nun ihre Konflikte auf andere Weise aus.

Weltkrieg in neuem Gewand?

Auch heute, 100 Jahre nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges, bestimmen Kriege und Konflikte, Besatzungen und Annexionen das Weltgeschehen. Ein Zeitreisender aus dem Jahr 1918, so die Autorin, würde angesichts der heutigen geopolitischen Lage annehmen müssen, dass der Erste Weltkrieg noch immer anhält. Nach einem weiteren Weltkrieg formte sich die Sowjetunion und wurde wieder zu Russland. Länder wie Deutschland oder Vietnam wurden getrennt und wiedervereint. Neue Konfliktherde entflammten. Nach Meinung Dedeoğlus bestehe nun wieder eine ähnliche Situation wie zu Anfang des 20. Jahrhunderts.

Wie, fragt die Autorin daher, könne man heute behaupten, dass 1918 oder 1945 die Weltkriege beendet worden seien? Mit Zahlen versucht sie ihre Skepsis zu untermauern. So fanden zwischen 1945 und 1992 insgesamt 149 Kriege statt. Sie forderten 23 Millionen Opfer. Davon drei Millionen Soldaten. Auch viele Regionen seien ebenso betroffen wie vor 100 Jahren: Der Balkan, der Mittlere Osten, Afrika, der Kaukasus. Überall dort veränderten sich die territorialen Verhältnisse noch immer. Fast so, als hielte der „Große Krieg“ noch immer an.

Und wie schon 1918 ähnele sich die Liste der Beteiligten. Mit einem großen Unterschied: Heute werden die Auseinandersetzungen durch Stellvertreterkriege ausgefochten. Doch die Gründe für diese Kriege der Gegenwart sind für Dedeoğlu noch immer die gleichen. Es gehe um die Kontrolle von Bodenschätzen, Transportwegen und Gebiete von strategischer Bedeutung.

Wenngleich sich die politischen Verhältnisse in vielen Ländern – so zum Beispiel in Deutschland – grundlegend verändert haben, könne es nach Meinung Dedeoğlus nur einen Grund geben, bei den Feierlichkeiten zum Kriegsende in Paris die Gläser erklingen zu lassen:

Die Großmächte kämpfen nicht länger direkt gegeneinander. Mit anderen Worten feiern sie ihre Genialität, denn sie haben Wege gefunden, Kriege anders zu führen – indem sie Dritte dazu bringen, in ihrem Namen zu kämpfen.“

 

Dieser Beitrag wurde empfohlen von: Patrick Ehrenberg

 

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  • Für die DEUTSCHE WELLE-Korrespondentin Barbara Wesel ist die Zeit der blutigen Weltkriege nicht vorüber. In einem eindringlichen Kommentar schildert sie, wie sich in der heutigen politischen Lage der Kreis zum Ersten Weltkrieg zu schließen droht.

Wer steckt dahinter?

Beril Dedeoğlu
Kommt aus:Türkei
Politische Position:offiziell unabhängig, pro-AKP
Arbeitet für/als:Politikerin, Wissenschaftlerin, Journalistin, ehemalige Ministerin für europäische Angelegenheiten
Was Sie noch wissen sollten:Dedeoğlu ist Mitglied des türkischen Hochschulrats YÖK. Mit der Gründung von YÖK wurde die Autonomie und Selbstverwaltung der Hochschulen abgeschafft. Nach dem Putschversuch in der Türkei 2016 und der darauf folgenden Säuberungswelle von Putschbefürwortern aus öffentlichen Ämtern haben 1.577 Leiter von Fakultäten oder Fachbereichen auf die Aufforderung vom YÖK ihren Rücktritt eingereicht.
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