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Sind Charter Cities die Lösung für die „Flüchtlingskrise“?
Sind Charter Cities die Lösung für die „Flüchtlingskrise“?
( Link zum Originalbild | Urheber: Joshua Oluwagbemiga | Unsplash | CC0 Public Domain )

Der tägliche Blick über den Tellerrand mit The Buzzard.

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Flucht und Migration sind Themen, die Europa und auch andere Regionen der Welt in den letzten Jahren schwer beschäftigt haben und die auch in Zukunft relevant bleiben werden. Dabei stellt sich immer wieder die Frage, wie mit den Menschen umgegangen werden soll, die ihre Heimat verlassen haben und nun in einem anderen Land ein neues Dasein aufbauen möchten. Viele sind der Meinung, dass die europäischen Staaten nicht alle Ankommenden aufnehmen könnten – so zum Beispiel auch Rainer Hank, Leiter der Wirtschaftsredaktion bei der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG. Deshalb begeistert Hank sich für die Idee des US-amerikanischen Ökonomen und Professors Paul Romer, der erst vor kurzem den Wirtschaftsnobelpreis erhielt.

Romer schlägt vor, sogenannte „Charter Cities“ oder „Freistädte“ in Entwicklungsländern – vor allem in Afrika – zu errichten. Die Freistädte würden Migranten ein neues, sicheres Zuhause bieten. Sie bekämen eine eigene Verfassung und würden von einem Patenland „mit überlegener rechtsstaatlicher Tradition“ überwacht – Romer denke hierbei zum Beispiel an die Schweiz. Das Patenland würde einen Bürgermeister einsetzen, der die Stadt verwaltet. Der Boden, auf dem die Freistädte erbaut würden, solle das jeweilige Entwicklungsland kostenlos zur Verfügung stellen. Als Anreiz dafür könnte man beispielsweise die Schulden des Landes erlassen. Die Frage, was passiert, wenn jemand die Freistadt militärisch angreifen würde, bleibt offen.

Hank räumt ein, dass die Idee der Charter Cities bisher viel Kritik eingefahren hat. Romer werde undemokratischer Neokolonialismus vorgeworfen. Doch Hank sieht das anders, schließlich könnten die Menschen in den Freistädten frei ein- und auswandern. Den Bürgermeister vom Patenland einsetzen zu lassen sei zwar undemokratisch, aber effizient, denn Demokratie sei korruptionsanfällig. Gerade in der Anfangsphase sei Rechtsstaatlichkeit wichtiger als Demokratie, um Stabilität zu garantieren.

Hanks Bild des afrikanischen Kontinents scheint größtenteils auf veralteten Stereotypisierungen zu beruhen. Er schreibt zum Beispiel, dass „korrupte Regime und kriegerisch zerstrittene Stämme“ sich „weder von Geld noch von guten Absichten zur Räson bringen“ ließen. Afrika als Ganzes mit negativ konnotierten Begriffen wie Korruption, Krieg, Unvernünftigkeit oder dem problematischen Begriff des „Stammes“ zu besetzen, zeugt nicht von einer differenzierten und kritischen Auseinandersetzung mit dem Kontinent. Seine Argumentation, warum Charter Cities nicht mit Neokolonialismus gleichzusetzen seien, ist dünn und überzeugt wenig. Auf die Perspektive der Länder, in denen Freistädte gebaut werden sollen, geht Hank gar nicht erst ein. Trotzdem ist der Beitrag empfehlenswert, da er eine interessante – wenn auch umstrittene – Idee in den Raum wirft, die zum Nachdenken und Diskutieren einlädt.

„Somalia ist so ein Land, aus dem viele Menschen fliehen. Für den Fall, dass Somalia nicht bereit wäre, kostenlos Land abzutreten, hatte Romer vorgeschlagen, dem Land als Lohn die Schulden zu erlassen. Somalia wäre seine Schulden los, im Süden des Landes entstünde eine sichere Zone mit einer Freistadt, die den Menschen die Möglichkeit gibt, sich eine neue Existenz aufzubauen.“

Hier entlang zum Originalartikel.

Jeden Montag- bis Freitagmorgen um 7 Uhr erscheint an dieser Stelle der Perspektivwechsel am Morgen. Hier finden Sie täglich einen Artikel, der zu einem aktuellen Tagesthema eine alternative Sichtweise bietet. In unserem Archiv finden Sie weitere Debatten von The Buzzard, auch zum Thema Flucht und Migration.

Wer steckt dahinter?

Stephanie Berens
Kommt aus:Deutschland
Politische Position:Versteht sich als Feministin und interessiert sich für Gender und Queer Studies.
Arbeitet für/als:Studiert Amerikanistik im Master an der LMU München und ist Redakteurin bei The Buzzard.
Was Sie noch wissen sollten:Schreibt für das Münchner Studentenmagazin „unikat“ und hat bei The Buzzard sowie bei der Sedona Red Rock News in den USA Praktika absolviert.
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