Zurück zur Übersicht
Ist Deutschland gerechter, als wir meinen?
Ist Deutschland gerechter, als wir meinen?
( Link zum Originalbild | Urheber: Gerd Altmann | Pixabay | CC0 1.0 )

Der tägliche Blick über den Tellerrand mit The Buzzard.

Guten Morgen,

„Deutschland ist gerechter, als wir meinen“ – das ist die zentrale These von Georg Cremer und gleichzeitig der Titel seines aktuellen Buches. Der langjährige Generalsekretär des Caritas-Verbandes in Deutschland kritisiert einen seiner Meinung nach vorherrschenden „Niedergangsdiskurs“ zum deutschen Sozialstaat.

Ob in Form von Pressekommentaren, Interviews oder Expertenbeiträgen – im öffentlichen Diskurs wird die mangelnde soziale Gerechtigkeit in Deutschland oft kritisiert. Für Cremer zeigt sich darin ein Narrativ, dass durch die Agenda 2010 an Fahrt aufgenommen habe, aber schon lange vorher präsent gewesen sei: dass sich der Sozialstaat in beständigem Rückbau befindet. Dabei sei die tatsächliche Lage heute, etwa im Bereich der Pflege oder der Kitas, deutlich besser als früher. Zu dieser Sichtweise Cremers empfehlen wir heute ein Interview, das Dieter Kassel für DEUTSCHLANDFUNK KULTUR mit dem Ökonom geführt hat.

Georg Cremer beklagt darin eine Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und tatsächlicher Situation des deutschen Sozialstaats. Selbst bedeutende Reformen wie die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns würden nicht ausreichend gewürdigt. Man unterstütze dadurch populistische Kräfte, die ihre Botschaft, „die Politiker“ würden nichts tun, so leichter vorantreiben können. Auch werde den Parteien und Politikern, die Verbesserungen vorantreiben, signalisiert, dass ihre Anstrengungen vom Wähler nicht belohnt werden – als Beispiel nennt Cremer die SPD, die den Mindestlohn nach Jahren gegen massive Widerstände durchgesetzt hat.

Im Gespräch erwähnen weder der Buchautor noch der Interviewer brisante Stichworte wie „Managergehälter“ oder die Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern – hier hätte ein Nachhaken Not getan. Aber hauptsächlich geht es Cremer offensichtlich um den öffentlichen Diskurs (auch wenn er die Medien im Interview nicht explizit kritisiert), nicht so sehr um einzelne Faktoren der Ungleichheit. Er selbst sieht aber auch „erhebliche Ungerechtigkeiten“; als Beispiele nennt er den Niedriglohnsektor oder den engen Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft. Deutschland sei gerechter, als wir meinen, könne aber natürlich noch gerechter werden, so Cremer:

Nur dazu brauchen wir eine Öffentlichkeit, die die Veränderungen, die Politik ja durchaus macht und über die diskutiert wird, wirklich auch im Detail wahrnimmt und nicht jede Besserung in einem Gejammer über den an sich zerfallenden Sozialstaat untergeht.“

 

Hier entlang zum Originalbeitrag.

 

Lesetipp: Wer mehr über unterschiedlichen Daten zu Einkommensentwicklung, Ungleichheit und Armut erfahren möchte, findet HIER eine Zusammenfassung.

Jeden Montag- bis Freitagmorgen um 7 Uhr erscheint an dieser Stelle der Perspektivwechsel am Morgen. Hier finden Sie täglich einen Artikel, der zu einem aktuellen Tagesthema eine alternative Sichtweise bietet. In unserem Archiv finden Sie darüber hinaus Debattenübersichten zu den wichtigen politischen Themen unserer Zeit, z. B. zur Frage gesellschaftlicher Umverteilung.

Wer steckt dahinter?

Frank Kaltofen
Kommt aus:Immer Thüringer gewesen, jetzt in Leipzig
Arbeitet für/als:Redakteur in verschiedenen Kontexten
Was Sie noch wissen sollten:Studierter Politikwissenschaftler und jetzt Schreiberling. Interessiert an Menschen und ihren Geschichten. Schreibt seit 2007, am liebsten über Kulturelles & Zeitgeschichtliches.
Lies The Buzzard ab sofort in deinem E-Mail Postfach. Nein danke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.