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Das verschweigen kapitalistische Konzerne in der Debatte um Automatisierung
Das verschweigen kapitalistische Konzerne in der Debatte um Automatisierung

Das Argument in Kürze:

Die Angst schwingt mit, wenn von der Zukunft der Arbeit die Rede ist. Das beobachtet zumindest der Wissenschaftsjournalist Matthias Becker. Man höre es immer wieder: Deutschland müsse sich schleunigst auf die „digitale Revolution der Arbeit“ vorbereiten. Alles nur Panikmache, findet Becker. Er meint: Die Industrie 4.0, von der alle reden, gibt es gar nicht. Kapitalistische Konzerne nutzten den Begriff „Industrie 4.0“ geschickt, um Produkte zu vermarkten und Arbeiter auszubeuten.

Der Begriff Industrie 4.0 ist nur ein Marketing-Hype

Bevor Matthias Becker angefangen hat, die Arbeitswelt zu erforschen, war er selbst Arbeiter. Er verdiente sein Geld als Kraftfahrer, Produktionshelfer, Altenpfleger und Heimerzieher. Mittlerweile ist er Wissenschaftsjournalist, unter anderem für den DEUTSCHLANDFUNK.

In seinem aktuellen Buch „Automatisierung und Ausbeutung“ beschäftigt sich Becker nun mit dem Wandel zur sogenannten „Industrie 4.0“. Über dieses Buch spricht er im Interview mit dem Blog TELEPOLIS.

Becker ist überzeugt: Die Industrie 4.0, von der alle reden, die gibt es gar nicht. Industrie 4.0 sei ein Marketingausdruck, „ein Beispiel für geschicktes Agenda-Building“ geprägt von ein paar wenigen Managern und Wissenschaftsfunktionären, sagt er.
Denn in Wirklichkeit sei die Digitalisierung der Arbeitswelt keine Revolution, die mit einem Schlag alles ändert. Vielmehr sei sie ein langjähriger, allmählicher Prozess. Stück für Stück wird Arbeit digital gemessen, standardisiert und vereinfacht. Dieser Prozess dauere schon viele Jahre und er werde auch noch viele Jahre dauern. Den einen Zeitpunkt, an dem die „Industrie 4.0“ da ist, den gebe es nicht. Und es stimme auch nicht, dass dann auf einmal der Mensch durch Technik ersetzt werde.

Automatisierung führt nicht zu Massenarbeitslosigkeit, sondern zu Ausbeutung

Menschliche Arbeit werde schon immer durch Technik ersetzt, betont Becker und zeigt: Seit der Industrialisierung prophezeien Ökonomen das „Ende der Arbeit“. Zum Beispiel John Maynard Keynes. Der sagte schon 1930 die 15-Stunden-Woche voraus. Oder der Soziologe Heinrich Popitz, der meinte 1957, dass Menschen bald nur noch wenige Stunden pro Woche arbeiten müssten, weil alles automatisiert wird.

Keine dieser Prognosen ist je eingetreten, stellt Becker fest. Der Grund: „Programmgesteuerte Maschinen können nur Dienst nach Vorschrift.“ Denkende Mitarbeiter würden eben trotzdem gebraucht. Moderne Algorithmen und neuronale Netze seien von der Fähigkeit menschlicher Intelligenz und Arbeitskraft noch weit entfernt.
Becker meint daher: Arbeit werde nicht weniger durch Automatisierung. Aber sie wird standardisierter, transparenter und dadurch: besser kontrollierbar. Büros und Fabriken werden damit unabhängiger von den individuellen Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter, sagt er.
Das führe dazu, dass kapitalistische Konzerne noch weniger angewiesen sind auf einzelne Mitarbeiter. Dass sie Arbeitnehmer besser unter Druck setzen und leichter austauschen können. In anderen Worten: Automatisierung führt nicht zu Massenarbeitslosigkeit, sondern sie ermächtigt Konzerne, Arbeiter auszubeuten.

Becker meint deshalb, die Debatte um die Automatisierung der Arbeitswelt führt in die Irre: Es werde so getan, als sei Industrie 4.0 alternativlos, als müssten sich alle – Arbeitnehmer, Politiker und Gesellschaft – nach den Regeln digitaler Standardisierung richten. Als habe man keine Wahl, in welche Richtung und zu welchem Zweck Technik entwickelt und eingesetzt wird. Er sagt:

Wie eine Technologie und die Gesellschaft zusammenhängen, ist wie die Frage nach der Henne-Ei-Sequenz. Joseph Schumpeter sagte einmal, dass der Kapitalismus nicht von der technologischen Entwicklung angetrieben wird, sondern im Gegenteil sich die Technologie schafft, die ihm gemäß ist. Die Digitaltechnik ist heute eben das, ein Mittel zur Ausbeutung.

Der Beitrag wird empfohlen von: Dario Nassal

Wer steckt dahinter?

Matthias Martin Becker
Kommt aus:Berlin
Politische Position:Kritisiert in seinen Büchern und Beiträgen die Ausbeutung im digitalen Kapitalismus
Arbeitet für/als:Arbeitet als Übersetzer, Buchautor und Wissenschaftsjournalist für verschiedene Medien, u.a. den Deutschlandfunk und das Magazin Konkret.
Was Sie noch wissen sollten:Beckers aktuelles Buch heißt „Automatisierung und Ausbeutung“ und beschäftigt sich mit Arbeit in Zeiten des digitalen Kapitalismus. Zuvor veröffentlichte er: „Mythos Vorbeugung – Warum Gesundheit sich nicht verordnen lässt und Ungleichheit krank macht.“
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