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Der Vatikan bedroht die Freiheit der Theologie
Der Vatikan bedroht die Freiheit der Theologie

Der tägliche Blick über den Tellerrand mit The Buzzard.

Guten Morgen,

 

die katholische Welt in Deutschland ist gerade in Aufruhr. Anlass ist eine Entscheidung aus dem Vatikan. Der hatte dem Rektor der renommierten Jesuiten-Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main, Ansgar Wucherpfennig, eine dritte Amtszeit verweigert. Die Kirche darf das, bei solchen Personalentscheidungen muss sie ihr nihil obstat geben – also die Bescheinigung, dass keine Einwände gegen die Person bestehen. Dass das nihil obstat dieses Mal ausblieb, werten viele Kommentatoren als Provokation, wenn nicht sogar als Dummheit. Die Kongregation für das katholische Bildungswesen (also das vatikanische Kultusministerium) kritisiert Wucherpfennig dafür, dass er darauf hingewiesen hat, dass Frauen in der Kirche einst viele Ämter hatten. Besonders negativ legt die Kirche ihm wohl aus, dass er sich dabei direkt auf Passagen aus dem Neuen Testament beruft (ähnlich ist es auch mit Wucherpfennigs Aussagen über Homosexualität).

FAZ-Herausgeber Werner D’Inka erinnerte deshalb an die alte Asterix-Wahrheit, dass die Römer „spinnen“. Die Kirche müsse zwar nicht bei „jedem Zeitgeist-Kokolores“ mitmachen, ändern müsse sie sich aber dringend. Sonst drohe ihr der „Tod durch Schwindsucht“. Der Kirchen-Redakteur der Süddeutschen Zeitung, Matthias Drobinski, erklärt, dass Wucherpfennig die homophobe Einstellung der Kirche nicht nur für eine Fehlinterpretation der Bibel hält, sondern darüber hinaus auch noch als Seelsorger für Homosexuelle arbeitet. Das ZDF berichtet über empörte Pfarrer, die den Vatikan auffordern, seine Entscheidung zu überdenken. Tenor dieser Berichte: Rom gegen Deutschland. Man kann die Auseinandersetzung aber auch als theologischen Kampf beschreiben.

Interessant ist deshalb die Analyse von Martin Höhl auf dem sehr modernen, sehr unkirchlichen und sehr theologischen Blog y-nachten. Er beschreibt, wie die Entscheidung die Theologie als Wissenschaft bedroht. Und Höhl argumentiert, dass die Kirche dabei gegen ihre eigenen Prinzipien verstößt. Wer keine Ahnung davon hat, wie umkämpft Vieles in der katholischen Kirche gerade ist, kann bei Höhl einen guten Eindruck der aktuellen Lage gewinnen. Wenn man etwas Latein kann, macht sein Text noch mehr Spaß. Aber keine Sorge: geschrieben ist er auf Deutsch.

„Es ist geradezu anmaßend, wenn mehr oder weniger kluge Köpfe der Kurie einem exzellenten und in höchstem Maße kompetenten Forscher vorschreiben wollen, zu welchen Forschungsergebnissen er zu kommen hat – gegen die Vorgaben des Papstes und die im Kirchenrecht festgehaltene Forschungsfreiheit.“

Hier entlang zum Originalbeitrag.

Jeden Montag- bis Freitagmorgen um 7 Uhr erscheint an dieser Stelle der Perspektivwechsel am Morgen. Hier finden Sie täglich einen Artikel, der zu einem aktuellen Tagesthema eine alternative Sichtweise bietet.

 

Wer steckt dahinter?

Lukas Fuhr
Kommt aus:Freiburg
Politische Position:Verfassungspatriot. Meint, dass der Primat der Politik nur europäisch aufrechterhalten werden kann.
Arbeitet für/als:Nachrichten-Redakteur im ARD-Hörfunk, freier Autor für Zeitungen und Trainer zur Online-Recherche
Was Sie noch wissen sollten:Hat Politikwissenschaft studiert und es bereut, Philosophie studiert und geliebt und Jura mehr abgebrochen als studiert.
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2 Gedanken zu “Der Vatikan bedroht die Freiheit der Theologie

  1. Hallo Dario,
    nachdem mir Katrin die unvollständige URL genannt hat, bin ich jetzt fündig geworden. Ich finde eure Seiten sehr ansprechend; den Inhalt werde ich mir noch vornehmen.
    Viele Grüße
    Sigi Marquardt

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