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Warum die Bedenken um Brett Kavanaugh nicht ernst genommen werden
Warum die Bedenken um Brett Kavanaugh nicht ernst genommen werden
( Link zum Originalbild | Urheber: Shamia Casiano | Pexels | CC0 Public Domain )

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Guten Morgen,

die hitzige Debatte um Brett Kavanaugh, der als neuer Richter für den US-amerikanischen Supreme Court nominiert ist, hat in den letzten Tagen neuen Aufwind bekommen. Am Sonntag meldete sich nun eine weitere Frau zu Wort, die Kavanaugh sexuelle Belästigung vorwirft. Die erste Anschuldigung kam bereits vor einigen Wochen auf: Die Psychologin und Professorin Christine Blasey Ford teilte einer demokratischen Abgeordneten in einem vertraulichen Brief mit, dass Kavanaugh auf einer High-School-Party in den 1980er Jahren versucht hatte, sie zu vergewaltigen. Der Vorwurf ist mittlerweile publik geworden – morgen soll Ford in einer öffentlichen Anhörung vor dem Justizausschuss des Senats aussagen. Die zweite Anschuldigung kommt von Deborah Ramirez, die mit Kavanaugh an der Yale University studierte und ihm nun sexuelle Belästigung während einer College-Party vorwirft.

Die Diskussion um die Vorwürfe scheint ein neuer Punkt unter den vielen zu sein, die Republikaner und Demokraten in zwei Lager spalten. Auf der konservativen Seite fragen Politiker und Journalisten, darunter auch Präsident Donald Trump selbst, warum die Anschuldigungen erst jetzt ans Tageslicht kommen und nicht schon viel früher angezeigt wurden. Auf der anderen Seite empören sich Journalisten wie Lori Fradkin darüber, dass Politiker die beiden Frauen und ihre Geschichten nicht ernst nehmen: „Dass die Republikaner im Senat den Frauen, die sexuelle Belästigung anführen, nicht glauben wollen, ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass ihr Ausgangspunkt Skepsis ist. […] Anstatt der Frau zuzuhören und sie zu respektieren, versuchen sie den Prozess möglichst zu beschleunigen, ohne auch nur die Möglichkeit zu betrachten, dass sie die Wahrheit sagen könnte und Kavanaugh nicht.“

Die zahlreichen Kommentare zu den Anschuldigungen aus beiden Lagern lassen sich leicht finden. Deshalb empfehlen wir heute zwei Beiträge, die den größeren historischen sowie gesellschaftlichen Kontext der Diskussion aufzeigen. Der Politikwissenschaftler Scott Lemieux schreibt für REUTERS, dass die jetzige Debatte in ähnlicher Weise schon einmal geführt wurde: 1991 beschuldigte die Anwältin Anita Hill ihren ehemaligen Arbeitgeber Clarence Thomas, sie sexuell belästigt zu haben – während seines Bestätigungsverfahrens für den Supreme Court.

Die Untersuchung des Vorwurfs durch den Justizausschuss sei eine Katastrophe gewesen. Während ihrer Anhörung hätten viele Senatoren feindselige und beleidigende Fragen an Hill gestellt, der Ausschuss erlaubte drei weiteren Zeuginnen nicht, Hills Aussage zu unterstützen, und in der Presse hätten Konservative die Anwältin auf aggressive Weise diffamiert. Am Ende wählte der (übrigens zu der Zeit mehrheitlich demokratische) Senat Thomas doch in den Supreme Court. Lemieux schätzt, dass es in Kavanaughs Fall ähnlich kommen könnte. Der Politikwissenschaftler geht davon aus, dass auch hier die Ermittlungen nicht gründlich geführt werden und Kavanaugh trotz allem der neue Oberste Richter wird.

Warum die Bedenken um Kavanaugh zum Teil nicht ernst genommen werden, darüber schreibt Jason Nichols für NBC NEWS. Laut Nichols habe das damit zu tun, wer überhaupt als potenzieller Sexualstraftäter gesehen wird: „Die Gesellschaft hatte [in den 1980er Jahren] ein klares Bild davon, wie Vergewaltiger aussahen: Jung, arm und schwarz oder braun. Sie sahen sicherlich nicht wie Brett Kavanaugh aus, einem Schüler aus der oberen Mittelschicht, der auf dem Weg in die Ivy League war.“ Auch heute noch habe das Konsequenzen. Der Stanford-Student Brock Turner bekam 2016 wegen der Vergewaltigung eines Mädchens ein sehr mildes Urteil, weil der Richter fand, dass Turner als junger, vielversprechender Sportler wegen „20 Minuten Aktion“ nicht so einen hohen Preis zahlen sollte.

Jugendliche Dummheit sei häufig eine Entschuldigung, die, wie auch momentan in Kavanaughs Fall, zugunsten des Täters vorgebracht wird – allerdings nur wenn dieser weiß ist. Trayvon Martin, Laquan McDonald und Tamir Rice zum Beispiel waren alle afro-amerikanische Jugendliche, die sofort erschossen wurden, weil Polizeibeamte vermuteten, dass sie eine Waffe bei sich trugen. In allen drei Fällen seien die Opfer als Erwachsene behandelt worden, obwohl Martin und McDonald 17, Rice gerade mal 13 Jahre alt waren. Laut Nichols zeigen diese Fälle, dass die amerikanische Gesellschaft weiße Männer aus der Oberschicht mehr Wert schätzt als andere. Das erkläre, warum konservative Politiker sich mehr darum sorgen, wie die Vorwürfe sich auf Kavanaughs Leben auswirken könnten, als darum, wie es den Frauen auf der anderen Seite dieser Vorwürfe ergeht.

Hier entlang zum Beitrag von Scott Lemieux bei REUTERS.

Hier entlang zum Beitrag von Jason Nichols bei NBC NEWS.

Jeden Montag- bis Freitagmorgen um 7 Uhr erscheint an dieser Stelle der Perspektivwechsel am Morgen. Hier finden Sie täglich einen Artikel, der zu einem aktuellen Tagesthema eine alternative Sichtweise bietet. In unserem Archiv finden Sie darüber hinaus Debattenübersichten zu den wichtigen politischen Themen unserer Zeit. 

Wer steckt dahinter?

Stephanie Berens
Kommt aus:Deutschland
Politische Position:Versteht sich als Feministin und interessiert sich für Gender und Queer Studies.
Arbeitet für/als:Studiert Amerikanistik im Master an der LMU München und ist Redakteurin bei The Buzzard.
Was Sie noch wissen sollten:Schreibt für das Münchner Studentenmagazin „unikat“ und hat bei The Buzzard sowie bei der Sedona Red Rock News in den USA Praktika absolviert.
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