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Machtmensch Putin? Der russische Präsident hat Angst
Machtmensch Putin? Der russische Präsident hat Angst

Der tägliche Blick über den Tellerrand mit The Buzzard

Guten Morgen,

auf Russland richtet sich die Aufmerksamkeit vor allem dann, wenn außenpolitische Konflikte eskalieren. In Idlib droht eine humanitäre Katastrophe, und die Bundesregierung appelliert an Russland, die Offensive zu stoppen. Auch nach dem Giftanschlag auf Sergej Skripal ist Russland Zentrum der Diskussion: Die britischen Behörden verdächtigten zuletzt russische Agenten – Putin widerspricht. Wie aber ist die Stimmung im Land selbst?

Die Journalistin Masha Gessen ist für ihre Berichterstattung über Russland und speziell über Putin mehrfach ausgezeichnet worden. In Moskau geboren, hat sie einen Großteil ihres Lebens in Russland zugebracht; inzwischen lebt sie in den USA. Jetzt liefert sie im New Yorker eine Analyse der aktuellen Situation in Russland. Ihre Vermutung: Wladimir Putin hat Angst. Aus drei Gründen.

Erstens, seine Umfragen sind schlecht. Zumindest schlechter als sonst. Die Zustimmung liegt um 60 Prozent – trotz Medienkontrolle. Die vergangenen vier Jahre lag sie konstant bei über 80 Prozent.

Zweitens, die Wahlergebnisse stimmen nicht. Am Wochenende waren in Russland Kommunalwahlen, und vier der 22 Kandidaten aus Putins Partei „Einiges Russland“ verfehlten die 50 Prozent. Das erscheint unbedeutend und wird keinerlei politische Konsequenzen haben; es zeigt jedoch, argumentiert Gessen, dass im ganzen Land Menschen aktiv gegen Putin stimmen.

Drittens, Massenproteste. Zu denen hatte am Wahltag der Oppositionelle Alexei Nawalny aufgerufen, und Tausende folgten seinem Aufruf, besonders junge Menschen. Die Proteste richteten sich gegen die Rentenreform – das Eintrittsalter soll um fünf Jahre verschoben werden –, gegen Korruption, aber auch gegen Putin.

Warum gerade jetzt? Gessen nennt mehrere Ursachen. Die russische Wirtschaft schwächele wegen der niedrigen Ölpreise und der westlichen Sanktionen; auch die finanziellen Rücklagen seien aufgebracht, weshalb die Armut in der Bevölkerung zunehme. Und die Annexion der Krim, die lange ein Gefühl der Einheit stiftete, könne die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage nicht mehr ausgleichen. Deshalb erwartet Gessen, dass Putin bald wieder in die Offensive geht.

„When Putin is scared, which he undoubtedly is now, he reacts by attacking […] All he needs is a worthy enemy, and a fitting propaganda campaign, to take people’s minds off their worries and make them feel a part of something great. Expect Russia’s neighbors, once again, to pay for the Kremlin’s instability.“

 

Hier entlang zum Originalbeitrag.

 

Jeden Montag- bis Freitagmorgen um 7 Uhr erscheint an dieser Stelle der Perspektivwechsel am Morgen. Hier finden Sie täglich einen Artikel, der zu einem aktuellen Tagesthema eine alternative Sichtweise bietet. In unserem Archiv finden Sie darüber hinaus Debattenübersichten zu den wichtigen politischen Themen unserer Zeit.

Wer steckt dahinter?

Maurus Jacobs
Kommt aus:Geboren in Kalifornien, aufgewachsen bei Hamburg, jetzt in Leipzig
Politische Position:Hat großes Interesse, komplexe Debatten in ihrer Vielfalt, aber übersichtlich darzustellen
Arbeitet für/als:Arbeitet für eine Hamburger Medienagentur
Was Sie noch wissen sollten:Maurus hat in Hamburg für die Bergedorfer Zeitung und Die Welt geschrieben. Er studiert am Deutschen Literaturinstitut.
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