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Sind 40 Prozent unserer Jobs sinnlos?
Sind 40 Prozent unserer Jobs sinnlos?

Der tägliche Blick über den Tellerrand mit The Buzzard

Guten Morgen,

die Digitalisierung wird, wie jeder weiß, immer mehr Jobs überflüssig machen. Eine Studie der OECD bezeichnet 66 Millionen Stellen weltweit als „hoch automatisierbar“ – das heißt: Maschinen könnten diese Arbeiten demnächst übernehmen. Das sind immerhin 14 Prozent der untersuchten Stellen. Und weitere 32 Prozent könnten zumindest teilweise wegfallen. Doch bei aller Sorge um das Verschwinden von Arbeitsplätzen übersehen wir, dass viele Jobs völlig überflüssig sind.

So zumindest argumentiert der Autor David Graeber im Interview mit der Zeit. Er stützt sich auf Erfahrungsberichte von Menschen, die ihre Arbeit als sinnlos empfinden. Sie machen „Bullshit-Jobs“, wie Graeber es nennt. Jobs, deren einziger Zweck darin besteht, zu existieren. Frei nach der Devise: Je mehr Arbeitsplätze, desto besser. Laut Graeber glauben 37 Prozent der Beschäftigten – er beruft sich auf eine britische Studie –, keinen sinnvollen Beitrag mit ihrer Arbeit zu leisten. Die Dunkelziffer sei wohl noch höher.

Und wo finden sich diese Jobs? Graeber sagt: vor allem in Büros. Wo Angestellte Berichte schrieben, die schlicht nicht gelesen würden. Aber auch sinnvolle Jobs, etwa in der Pflege, würden von einem Übermaß an Papierkram unterwandert. Der halte die Menschen von der eigentlichen Arbeit ab. Weniger betroffen sind, argumentiert der Autor, Menschen, die im Verkauf oder im Service arbeiten.

Den Grund für diese Entwicklung sieht Graeber in der Fehlannahme, dass Privatwirtschaft immer effizient arbeite. Er spricht sogar von einem Mythos. Zwar würden Stellen in der Güterproduktion abgebaut, doch sie verlagerten sich bloß – in Büros. Wo Menschen massenweise fürs Nichtstun bezahlt würden. Und das deutlich besser als diejenigen, die sinnvolle Stellen hätten.

„Wenn wir die Arbeit betrachten, die in den Dreißigerjahren verrichtet wurde, dann ist davon die meiste verschwunden – oder in andere Länder abgewandert. Als Gesellschaft hat uns das vor die Frage gestellt: Sollen wir die Zahl der Wochenarbeitsstunden massiv reduzieren? Das wäre die beste Lösung gewesen. Wir haben uns für eine andere entschieden: Jemand hat sich sinnlose Berufe ausgedacht, um uns weiterzubeschäftigen. Jetzt sitzen viele von uns in Büros herum, sie basteln Katzen-Meme und sind unglücklich, weil sie sich nicht mehr als selbstwirksam erleben. Was natürlich die dümmstmögliche Antwort auf das Problem war.“

 

Hier entlang zum Originalbeitrag.

 

Weitere Lesetipps von The Buzzard:

Hier bespricht Ulrich Rüdenauer vom MDR Graebers Buch „Bullshit Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit“. Rüdenauer weist unter anderem auf die dünne Datenbasis von Graebers Analyse hin. Die halte statistischen Ansprüchen nicht unbedingt stand.

 

Jeden Montag- bis Freitagmorgen erscheint an dieser Stelle der Perspektivwechsel am Morgen. Hier finden Sie täglich einen Artikel, der zu einem aktuellen Tagesthema eine alternative Sichtweise bietet. In unserem Archiv finden Sie darüber hinaus Debattenübersichten zu den wichtigen politischen Themen unserer Zeit.

Wer steckt dahinter?

Maurus Jacobs
Kommt aus:Geboren in Kalifornien, aufgewachsen bei Hamburg, jetzt in Leipzig
Politische Position:Hat großes Interesse, komplexe Debatten in ihrer Vielfalt, aber übersichtlich darzustellen
Arbeitet für/als:Arbeitet für eine Hamburger Medienagentur
Was Sie noch wissen sollten:Maurus hat in Hamburg für die Bergedorfer Zeitung und Die Welt geschrieben. Er studiert am Deutschen Literaturinstitut.
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