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Seenotrettung und Flüchtlingszahlen hängen nicht zusammen
Seenotrettung und Flüchtlingszahlen hängen nicht zusammen

Der tägliche Blick über den Tellerrand mit The Buzzard.

Guten Morgen,

wenn es um Seenotrettung geht, stehen sich zwei Fronten gegenüber. Kritiker argumentieren, private Seenotrettung bringe immer neue Menschen dazu, die gefährliche Mittelmeerroute zu wagen; damit unterstütze sie Schlepper. Befürworter halten dagegen, Helfer dürften nicht kriminalisiert werden – Menschen in Not müsse nun einmal geholfen werden.

Zuletzt hat die ZEIT mit einer Pro- und Kontra-Diskussion für viel Aufruhr gesorgt. Auch im Bundestag wurde – mit ähnlichen Argumenten – über die gleiche Frage diskutiert. Und als das Schiff „Lifeline“, das von einem Dresdner Verein betrieben wird, im Juni über Tage hinweg in keinem Hafen eine Anlegeerlaubnis bekam, wurden in der deutschen Politik vermehrt Stimmen laut, die das eigenmächtige Handeln der Retter verurteilten.

Das Problem bei der Diskussion: Sie basiert womöglich auf einer falschen Annahme. Denn für einen Zusammenhang zwischen Flüchtlingszahlen und privater Seenotrettung fehlen stichhaltige Belege, wie der Journalist Fabian Köhler darlegt. Er stützt sich dabei auf drei Studien. Die Erste stammt von zwei Forschern der Universität Oxford, die Flüchtlingszahlen in Relation setzten zu Rettungsmissionen der EU und von Frontex. Das Fazit: kein eindeutiger Zusammenhang.

Noch aussagekräftiger sind die Ergebnisse einer Denkfabrik, die mithilfe des UNHCR und des italienischen Innenministeriums den Zeitraum Januar 2016 bis April 2018 untersuchte. Hier wurden nämlich auch private Seenotrettungen berücksichtigt. Und hier konnten die Forscher ebenfalls keinen Zusammenhang nachweisen zwischen Flüchtlingszahlen und Seenotrettungen.

Eine dritte Studie, diesmal von der Initiative „Forensic Oceanography“, kommt zu dem Ergebnis, dass Flüchtlingszahlen in den Jahren 2015 und 2016 auch auf solchen Routen stark anstiegen, auf denen überhaupt keine Retter aktiv waren.

„Die tatsächliche Ursache für die Zunahme der Flüchtlingszahlen findet die Gruppe in wenig überraschenden Faktoren: Die Krisen und Kriege in den Herkunftsländern, sowie die Situation in Libyen, wo die meisten Flüchtlinge auf eine Überfahrt warten. In Bezug auf die Arbeit der Seenotretter lässt sich hingegen nur der offensichtlichste Zusammenhang belegen: Ihr Einsatz rettet Menschen das Leben.“

Hier entlang zum Originalbeitrag.

Jeden Montag- bis Freitagmorgen um 7 Uhr erscheint an dieser Stelle der Perspektivwechsel am Morgen. Hier finden Sie täglich einen Artikel, der zu einem aktuellen Tagesthema eine alternative Sichtweise bietet. In unserem Archiv finden Sie darüber hinaus Debattenübersichten zu den wichtigen politischen Themen unserer Zeit.

Wer steckt dahinter?

Maurus Jacobs
Kommt aus:Geboren in Kalifornien, aufgewachsen bei Hamburg, jetzt in Leipzig
Politische Position:Hat großes Interesse, komplexe Debatten in ihrer Vielfalt, aber übersichtlich darzustellen
Arbeitet für/als:Arbeitet für eine Hamburger Medienagentur
Was Sie noch wissen sollten:Maurus hat in Hamburg für die Bergedorfer Zeitung und Die Welt geschrieben. Er studiert am Deutschen Literaturinstitut.
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