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Exklusives Interview: Warum Klimaabkommen nicht eingehalten werden und was wir dagegen tun können
Exklusives Interview: Warum Klimaabkommen nicht eingehalten werden und was wir dagegen tun können

In unserer aktuellen Debatte befassen wir uns mit dem Klimawandel in Deutschland. Wir haben ein exklusives Interview mit einem Experten geführt, der uns beantwortet, warum internationale Klimaabkommen nicht eingehalten werden, wie sich das ändern könnte und welche Verantwortung wir als Konsumenten tragen. Drei Fragen an Wolfgang Obergassel.

The Buzzard: Das Pariser Klimaabkommen wurde 2015 unter großem Jubel verabschiedet. Jetzt zeigt sich, dass – werden die Anstrengungen nicht erhöht – keins der Länder die gesteckten Ziele erreichen wird. Warum nicht?

WO: Man kann die Länder nicht zwingen, die Ziele einzuhalten. Es gibt keine Weltregierung. Die Vereinten Nationen sind eine Verhandlungsplattform, aber die Staaten bleiben souverän, und sie verteidigen ihre Souveränität. Es gibt daher kaum internationale Abkommen, die ernsthafte Strafen für Nicht-Einhaltung vorsehen.

Beim Klimaschutz konkret ist das Problem, dass er massive wirtschaftliche Verteilungswirkungen hat. Energieversorgung, Verkehr, Landwirtschaft etc. – unsere Wirtschaft muss fundamental umgebaut werden. Und so ein Umbau bringt immer Gewinner und Verlierer. In der politischen Diskussion hat bisher die Verliererperspektive dominiert. Diejenigen Stimmen waren lauter, die die wirtschaftliche Belastung beklagt haben oder den Verlust von Arbeitsplätzen, etwa in der Kohle- und Autoindustrie. Das hat einer ambitionierten Politik im Weg gestanden. Zum Glück ändert sich das gerade, zum Beispiel wächst das Vertrauen in die erneuerbaren Energien. Die Kräfte, die bremsen, sind aber immer noch stark, es ist daher ein langsamer Prozess, der sich in jedem Land abspielt. Gerade in den großen und wirtschaftsstarken Staaten gibt es viel Widerstand, weil dort mehr alteingesessene Industrien betroffen sind.

The Buzzard: Sehen Sie trotzdem Möglichkeiten, mehr Verbindlichkeit auf internationaler Ebene zu schaffen?

WO: Die Klimagipfel sind schon mal gute Schrittmacher für die nationalen Diskussionen. Sie konfrontieren die Politik immer wieder mit dem Klimaproblem. Ein gutes Beispiel ist der vermeintlich gescheiterte Gipfel 2009 in Kopenhagen. Er hat zwar nicht das erhoffte Abkommen gebracht, aber in der Folge wurden in vielen Ländern Gesetze und Maßnahmen zum Klimaschutz verabschiedet. Mit Paris war es ähnlich. Jedes Land musste sich entscheiden, welchen Beitrag es leistet.

Ein Erfolg von Paris ist außerdem, dass es den Prozess des Überprüfens verstetigt. Alle fünf Jahre gibt es jetzt eine globale Bestandsaufnahme der Anstrengungen für Klimaschutz. Die erste ist dieses Jahr. Die Staaten haben dann bis 2020 Zeit nachzubessern. 2023 ist die nächste Bestandsaufnahme. Dadurch kommt das Thema regelmäßig und prominent auf die politische Tagesordnung, und das wird die politischen Diskussionen beschleunigen.

Ein weiterer Beitrag wäre, dass die Länder transparent berichten, was sie erreicht haben. Das wird gerade ausgehandelt. Die Maßnahmen der Länder müssen vergleichbar sein – denn die Hauptwährung in der internationalen Politik ist »Naming and Shaming«. Die Länder sind zwar souverän, aber sie wollen international gut dastehen. Transparenz kann also Bewegung bringen. Ich bin daher verhalten optimistisch. Es geht in die richtige Richtung, nur eben langsam.

Aber natürlich sind nicht alle Trends positiv. Die Deutschen haben immer mehr Autos. Der Flugverkehr wächst. Diese und andere Probleme müsste die Politik dringend angehen.

The Buzzard: Nur die Politik? Oder müssen wir uns auch als Konsumenten verantwortlich fühlen für den Klimawandel?

Klar ist es gut, sich Gedanken zu machen, welchen Beitrag man leistet. Es gibt ja Möglichkeiten. Zum Beispiel beim Essen: Da ist es sehr effektiv, den Fleischkonsum zu verringern – ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz.

Allerdings sind die Möglichkeiten begrenzt. Wenn man zur Miete wohnt, hat man keinen Einfluss darauf, wie gut das Gebäude gedämmt ist oder wie effizient die Heizung arbeitet. Beim Verkehr ist man auf seine Stadt angewiesen: Wenn es keinen vernünftigen öffentlichen Verkehr gibt und keine guten Fahrradwege, dann bleibt nur das Auto. Viele Entscheidungen zum Klimaschutz sind also keine individuellen. Auf die angebliche Macht der Konsumenten zu verweisen ist in meinen Augen die Privatisierung einer politischen Frage.

Wem Umwelt und Klima ein Anliegen sind, der sollte bei den entsprechenden Parteien sein Kreuz machen. Und falls man die Zeit hat, kann man sich politisch engagieren. Seinen Lebensstil zu bessern ist gut, aber wenn man als Einzelperson wirklich etwas tun will, sollte man politisch tätig werden.

Wolfgang Obergassel arbeitet seit 2002 am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Er ist Projektleiter in der Abteilung Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik.

Die Fragen stellte Maurus Jacobs

Hier geht’s zur gesamten Debatte rund um den Klimawandel in Deutschland.

Wer steckt dahinter?

Maurus Jacobs
Kommt aus:Geboren in Kalifornien, aufgewachsen bei Hamburg, jetzt in Leipzig
Politische Position:Hat großes Interesse, komplexe Debatten in ihrer Vielfalt, aber übersichtlich darzustellen
Arbeitet für/als:Arbeitet für eine Hamburger Medienagentur
Was Sie noch wissen sollten:Maurus hat in Hamburg für die Bergedorfer Zeitung und Die Welt geschrieben. Er studiert am Deutschen Literaturinstitut.
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