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Deshalb reagiert Saudi-Arabien so scharf im Streit mit Kanada
Deshalb reagiert Saudi-Arabien so scharf im Streit mit Kanada

Der tägliche Blick über den Tellerrand mit The Buzzard.

Guten Morgen,

vergangene Woche eskalierte ein diplomatischer Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Kanada. Auslöser des Streits war ein Tweet der kanadischen Außenministerin Chrystia Freeland, in dem sie die Freilassung der saudi-arabischen Aktivistin Samar Badawi forderte. Zuerst sprach die saudische Regierung von „Einmischung in innere Angelegenheiten„, wies den kanadischen Botschafter aus und zog seinen eigenen Botschafter aus Kanada ab. Dann kündigte sie an, die Geschäftsbeziehungen und akademischen Programme zwischen beiden Ländern einzufrieren. Zudem erklärte die staatliche Fluglinie Saudia Airlines, alle Flüge von und nach Toronto zu stoppen. Saudis Druck ging aber noch weiter: etwa 15.000 saudische Studierende sollen Kanada verlassen und saudische Bürger ihre medizinische Behandlung dort abbrechen. 

Die Frage, die dabei viele Journalisten und Wissenschaftler beschäftigt, ist: Warum reagiert die Regierung in Riad so ungewöhnlich harsch? Die WELT-Journalist Daniel-Dylan Böhmer ist der Meinung, dass wenn der Westen in einer klaren Haltung zum Saudi-Arabien vereint wäre, würde das Königreich nicht so offensiv auftreten. Doch die Bruchlinien zwischen Amerikanern, Kanadiern und Europäern seien bekannt und bieten Spielräume für eine offensivere Politik der Saudis. Die TAGESSCHAU zitiert dazu Imad Harb vom „Arab Center“, einer Denkfabrik in den USA, der glaubt, dass „das ein fast schon irrationales Handeln ist, basierend auf einem emotionalen Impuls“ des Kronprinzen Mohammed bin Salman. Es untermaure weder innenpolitisch noch international seinen Versuch, das Königreich zu modernisieren. Matthias Kolb schreibt in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, die Trudeau-Regierung sei ein ideales Ziel für die saudische Regierung, da das wirtschaftliche Risiko sich in Grenzen halte.

Wir empfehlen heute einen Artikel von der Politikwissenschaftlerin Bessma Momani im THE GLOBE AND MAIL, der zeigt: die harsche Reaktion aus Riad hat wenig mit Kanada zu tun und lässt sich eher mit einem Blick auf die saudische Innenpolitik erklären. Laut Momani passt der Zeitpunkt der saudischen Ankündigungen perfekt, um die öffentliche und regionale Aufmerksamkeit von der Situation um Kushners Friedensplan abzulenken. Vor ein paar Wochen signalisierte Mohammed bin Salman, dass er Jared Kushners israelisch-palästinensischen Friedensplan, der Jerusalem als Israels Hauptstadt anerkennt, unterstützen könnte. Dies führte bei vielen arabischen Regierungen zu scharfer Kritik. König Salman hob den außenpolitischen Vorschlag seines Sohnes auf und bestätigte die langjährige Position Saudi Arabiens im Nahostkonflikt.

„The resulting poke to the eye of the feminist Trudeau government is a perceived win in the Saudi foreign-policy community and a helpful distraction from a few weeks of domestic embarrassment for the Crown Prince over his father’s rebuke.

Hier entlang zum Originalartikel

Jeden Montag- bis Freitagmorgen um 7 Uhr erscheint an dieser Stelle der Perspektivwechsel am Morgen. Hier finden Sie täglich einen Artikel, der zu einem aktuellen Thema eine alternative Sichtweise bietet. In unserem Archiv finden Sie darüber hinaus Debattenübersichten zu den wichtigen politischen Themen unserer Zeit.

Wer steckt dahinter?

Olga Osintseva
Kommt aus:Russland
Politische Position:Bezeichnet sich selbst als mitte-links
Arbeitet für/als:Arbeitet als Redakteurin bei The Buzzard und als Event- und Community-Managerin beim Strascheg Center For Enterpreneurship in München
Was Sie noch wissen sollten:Osintseva hat 2015 ihren Master in Politikwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg abgeschlossen. Sie kommt aus Russland und lebt mittlerweile seit vier Jahren in Deutschland.
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