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Gentrifizierung kriminalisiert ganze Stadtteile – unter anderem durch höhere Polizeipräsenz
Gentrifizierung kriminalisiert ganze Stadtteile – unter anderem durch höhere Polizeipräsenz

Der tägliche Blick über den Tellerrand mit The Buzzard.

Guten Morgen,

seit mehreren Jahren geistert das Schlagwort durch die öffentliche Diskussion: Gentrifizierung. Meist negativ belegt, mitunter als alternativlos erachtet – aber unsere Debatte fragt dazu ganz konkret: „Müssen wir uns schlecht fühlen, wenn wir in hippe Szeneviertel ziehen?“

Kaum jemand bestreitet dabei, dass Gentrifizierung die demographische Struktur eines Stadtbezirkes verändern kann. Damit einher gehe auch eine veränderte Vorstellung von Normalität und Sicherheit, schreibt Abdallah Fayyad in einem Beitrag für THE ATLANTIC: Die Zugezogenen aus höheren sozialen Schichten seien oft empfindlicher gegenüber Störungen der öffentlichen Ordnung und rufen häufiger die Polizei; deren erhöhte Präsenz im Gebiet schafft eine Situation mit mehr Kontrollen und so mehr potenzielle Zusammenstöße mit dem Gesetz. Ausgelassene Musik oder Ruhestörung? Street Art oder Vandalismus? Was Alteingesessenen in einem Stadtviertel vielleicht normal erscheint, ist Zugezogenen aus anderen Gesellschaftsschichten verdächtig oder ein Dorn im Auge, schreibt Fayyad. So verschiebe sich die Grenze dessen, was unter den Anwohnern als „normal“ gilt.

Die alteingesessene Bevölkerung des Stadtteils erlebt dies oft als radikale Umwälzung der Verhältnisse, die ihr von außen aufgezwungen wird. An Fallbeispielen von US-Städten orientiert, schreibt Fayyad sogar, Afroamerikaner oder Lationos erleben die Gentrifizierung mitunter als eine moderne „Form der Kolonialisierung“. Doch selbst, wenn man diese Metapher überzogen findet: Fayyad macht deutlich, wie die Gentrifizierung zu mehr Polizeieinsätzen (auch wegen kleinerer Ordnungswidrigkeiten) führt und dass die erhöhte Präsenz der Ordnungshüter mehr Kontrollen sowie potenziell mehr Konfrontationen mit sich bringt. In den USA kann dabei bekanntermaßen auch erhöhte Polizeigewalt – häufig gegen Afroamerikaner – zum Problem werden. Dass Nicht-Weiße öfter verdächtigt werden, ist indes nicht nur in den USA ein bekanntes Problem. Außerdem führe das Nachtleben der Bars und Ausgeh-Lokalitäten, das oft in gentrifizierten Vierteln besonders ausgeprägt ist, zu erhöhter pro-aktiver Präsenz der Polizei und somit mehr (erfassten) Delikten:

‚Es geht nicht um die Frage, wie viele Menschen Straftaten begehen – sondern darum, wo die Polizei ihre Ressourcen zur Strafverfolgung einsetzt‘, erklärt [der frühere Staatsanwalt] Paul Butler. ‚Denn wo sie diese Ressourcen einsetzen, dort werden sie auch Kriminalität finden.’“

 

Hier entlang zum Originalbeitrag.

 

Jeden Montag- bis Freitagmorgen um 7 Uhr erscheint an dieser Stelle der Perspektivwechsel am Morgen. Hier finden Sie täglich einen Artikel, der zu einem aktuellen Thema eine alternative Sichtweise bietet. Wer mehr zum Thema Gentrifizierung lesen möchte, dem empfehlen wir unsere aktuelle Debatte.

Wer steckt dahinter?

Frank Kaltofen
Kommt aus:Immer Thüringer gewesen, jetzt in Leipzig
Arbeitet für/als:Redakteur in verschiedenen Kontexten
Was Sie noch wissen sollten:Studierter Politikwissenschaftler und jetzt Schreiberling. Interessiert an Menschen und ihren Geschichten. Schreibt seit 2007, am liebsten über Kulturelles & Zeitgeschichtliches.

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