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Warum das Interview mit Osama bin Ladens Mutter kritisch zu sehen ist
Warum das Interview mit Osama bin Ladens Mutter kritisch zu sehen ist

Der tägliche Blick über den Tellerrand mit The Buzzard.

 

Guten Morgen,

Osama bin Laden hat die Terrororganisation Al Kaida berühmt gemacht. Nach den Anschlägen vom 11. September 2011 wurde der Sohn einer einflussreichen Familie aus Saudi Arabien zum Aushängeschild des internationalen Dschihadismus. Die Familie bin Laden wird seither kritisch beäugt. Denn Osama hätte ohne die Multimillionen aus dem Baugeschäft der bin Ladens seine Organisation kaum aufbauen können. Der Fall hat den Blick außerdem auf die zahlreichen Prinzen und Privatiers Saudi Arabiens gelenkt, die in die Finanzierung extremistischer Gruppen verwickelt sind.

Das saudische Königshaus, das mit Hilfe des religiösen Establishments der Wahhabiten autoritär das Land regiert, geriet auch in Verdacht: Wie wahrscheinlich war es, dass die saudischen Financiers ohne Wissen des Königshauses arbeiteten? War die wahhabitische Ideologie verantwortlich für das Entstehen von Al Kaida? Immerhin hatten die Wahhabiten ab Ende der 70er Jahre den heiligen Krieg gegen die russischen Invasoren in Afghanistan propagiert, aus dem Al Kaida schließlich hervorging.

Nun hat die Mutter von Osama bin Laden, Alia Ghanem, ihr erstes öffentliches Interview gegeben. Der GUARDIAN traf sie in der Familienresidenz in Jeddah.

Im Interview zeichnen Alia Ghanem und zwei ihrer Söhne ein Bild, das Osama bin Laden als fehlgeleiteten Einzeltäter darstellt – und ganz im Interesse des saudischen Königshauses liegen dürfte. Osamas Mutter beschreibt ihren Sohn als schüchtern und intelligent. In seiner Zeit an der Universität sei er dann einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Federführend sei dabei ein Mitglied der Muslimbruderschaft gewesen, das später aus Saudi Arabien verbannt wurde.

Um das Interview einordnen zu können ist es wichtig zu wissen, dass das saudische Königshaus die Muslimbruderschaft als große Gefahr betrachtet. Denn die Bewegung stellt eine potenzielle Alternative zur herrschenden Ideologie dar. So erscheint das gesamte Interview den Interessen des Kronprinzen Mohammed Bin Salman (MBS) dienlich. Es ist vermutlich kein Zufall, dass MBS das Interview in einer Zeit genehmigt hat, in der er akribisch an seinem Ruf als Reformer arbeitet.

Spekulationen über Zusammenhänge zwischen der Radikalisierung Hamza bin Ladens –  der in die Fußstapfen seines Vaters tritt und Saudi Arabiens Ruf ähnlich schädigen könnte wie sein Vater  – und dem saudischen System werden im Interview auch beseitigt.

„Hamza bin Laden’s continued rise may well cloud the family’s attempts to shake off their past. It may also hinder the crown prince’s efforts to shape a new era in which Bin Laden is cast as a generational aberration, and in which the hardline doctrines once sanctioned by the kingdom no longer offer legitimacy to extremism. While change has been attempted in Saudi Arabia before, it has been nowhere near as extensive as the current reforms. How hard Mohammed bin Salman can push against a society indoctrinated in such an uncompromising worldview remains an open question.“

 

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Jeden Montag- bis Freitagmorgen um 7 Uhr erscheint an dieser Stelle der Perspektivwechsel am Morgen. Hier finden Sie täglich einen Artikel, der zu einem aktuellen Thema eine alternative Sichtweise bietet. In unserem Archiv finden Sie darüber hinaus Debattenübersichten zu den wichtigen politischen Themen unserer Zeit.

 

Wer steckt dahinter?

Lars Hauch
Kommt aus:Münster, Deutschland
Politische Position:Gegen eurozentristische Betrachtung der muslimischen Welt, gegen machtverschleiernde Ideologien, für soziale Nachhaltigkeit
Arbeitet für/als:Schreibt als freier Journalist über Islamismus und Sicherheitspolitik im Mittleren Osten, u.a. für Middle East Eye, Krautreporter, Internationale Politik und Gesellschaft, Blätter für deutsche und internationale Politik. Seit kurzem recherchiert und schreibt er auch für The Buzzard.
Was Sie noch wissen sollten:Studierte International Development Studies an der Universität Wien und Politikwissenschaften an der Universität Münster
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