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Wer in deutschen Supermärkten Gemüse kauft, unterstützt mit hoher Wahrscheinlichkeit moderne Sklaverei
Sind wir verantwortlich für moderne Sklaverei, wenn wir in Deutschland in Supermärkten einkaufen?

Das Argument in Kürze:

Die Reporter Vanessa Lünenschloß und Jan Zimmermann begeben sich auf Spurensuche. Sie versuchen herauszufinden, wie das Obst und Gemüse hergestellt wird, das wir in deutschen Supermärkten kaufen. Ihre Suche führt die Reporter zu Gewächshäusern in Almeria, Südspanien, wo ein Großteil des Gemüses für die deutschen Supermarktketten angebaut wird. Was sie finden ist erschreckend: Arbeiter schuften in Almeria unter menschenunwürdigen Bedingungen ohne Arbeitsrecht, ohne Schutz vor Chemikalien, ohne Rücksicht auf Mindestlohn zehn bis zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Gewerkschaften und Flüchtlingsorganisationen sprechen von moderner Sklaverei.

400 Quadratkilometer voller Gewächshäuser und zehntausende Arbeiter ohne Rechte

Die Einheimischen nennen es das Plastikmeer. Eine Fläche von rund 400 Quadratkilometern voller Gewächshäuser, Plastikdach an Plastikdach, die sich endlos bis zum Meer erstrecken.

Lünenschloß und Zimmermann berichten, dass hier zehntausende Arbeiter schuften, die oftmals nur 25 Euro am Tag verdienen, obwohl der Tariflohn rund 47 Euro vorschreibt. Viele von ihnen sind als Flüchtlinge übers Mittelmeer gekommen. Ihr Lohn reicht nicht einmal für ein eigenes Zimmer, daher schlafen sie in Slums und Plastikzelten vor den Gewächshäusern.

In Interviews mit Gewerkschaften, mit Gastarbeitern und Flüchtlingsorganisationen erfahren die BR-Reporter erschreckende Details: Die Erntehelfer müssen ohne Schutzanzug Chemikalien spritzen, sie sind nicht in der Gewerkschaft, genießen kaum Rechte und werden von den Betriebsleitern misshandelt. Viele von ihnen sind illegal im Land.

„Es gibt Chefs, die behandeln die Leute wie Tiere. Ich hatte einen Chef, der wollte, dass wir noch mehr arbeiten. Umsonst. Ich habe gesagt, ich kann nicht noch mehr umsonst arbeiten. Und er sagt: Doch, hier in Spanien muss man 10 Stunden umsonst arbeiten“, erzählt ein Flüchtling aus Mali in der Reportage.

Deutsche Supermärkte drücken die Preise

Lünenschloß und Zimmermann finden in ihrer Reportage aber auch, dass es nicht nur die Betriebe in Spanien sind, die für die Ausbeutung verantwortlich sind. Es sind auch die großen Supermärkte in Deutschland. Rewe, Aldi, die Edeka Group und die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland halten 85 Prozent-Marktanteil und drücken die Preise. Und wir Konsumenten spielen mit. Denn wir kaufen das Obst und Gemüse oftmals dort, wo es besonders günstig ist.

„Die Recherche hat gezeigt: Die Ausbeutung in Spanien hat System. Es ist eine moderne Sklavenwirtschaft. Wir haben zahlreiche Unternehmen aufgespürt, die eklatant gegen Arbeitsrecht verstoßen. Sie alle liefern Obst und Gemüse nach Deutschland. Die Ware wird in den großen Supermarktketten verkauft.“

Die Reportage ist nicht nur als Audiofile verfügbar, sondern ist auch verfilmt und im ARD gesendet worden. Der Film Europas Dreckige Ernte findet sich in der ARD-Mediathek.

Dieser Beitrag wird empfohlen von Dario Nassal.

Wer steckt dahinter?

Vanessa Lünenschloß und Jan Zimmermann
Kommt aus:München
Arbeitet für/als:Vanessa Lünenschloß ist Reporterin für die Wirtschaftsredaktionen Hörfunk und Fernsehen des Bayerischen Rundfunks und Redakteurin für das politische Magazin Radiowelt auf Bayern 2. Sie recherchiert regelmäßig für das ARD Wirtschaftsmagazin Plusminus. Jan Zimmermann arbeitet u.a. für das Investigativteam des Bayerischen Rundfunks "BR Recherche". Er deckte in der Vergangenheit Missstände in der Medizin sowie schwere Versäumnisse in Kliniken und Pflegeeinrichtungen auf. Darüber hinaus berichtete er vielfach über Verbrauchertäuschung im Einzelhandel und Betrug im Internet.
Was Sie noch wissen sollten:Lünenschloß beschäftigt sich mit den Themenfeldern Digitalisierung, Gründerszene und der internationale Handel. Ihr Beitrag „Die neuen Unternehmer – Migranten als Firmengründer“ wurde mit dem Kaust Medienpreis ausgezeichnet. Zimmermann beschäftigt sich viel mit den Themenfeldern Ernährung, Arbeitsmarkt, Lohndumping, Rente und Altersarmut; er ist Diplom Journalist und arbeitet seit 2006 beim Bayerischen Rundfunk.
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