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Ein Aktivist, der in Südspanien gegen moderne Sklaverei kämpft: Drei Fragen an Steffen Vogel
Ein Aktivist, der in Südspanien gegen moderne Sklaverei kämpft: Drei Fragen an Steffen Vogel

Viel Obst und Gemüse, das man in deutschen Supermärkten kaufen kann, kommt aus Südspanien. Aus Almeria, einem Ort in Andalusien. Dort erstreckt sich auf rund 400 Quadratkilometern das weltweit größte Obst- und Gemüseanbaugebiet mit Gewächshäusern. Eine aktuelle ARD-Reportage (Zusammenfassung ebenfalls in dieser Debatte) zeigt, dass etliche Betriebe in diesem Anbaugebiet illegale Migranten ausnutzen, die Arbeiter misshandeln, Tarifverträge ignorieren und Menschen für Löhne unterhalb des Mindestlohns arbeiten lassen.

Der Berliner Verein Interbrigadas setzt sich seit 2013 dafür ein, dass sich das ändert. Die Aktivistinnen und Aktivisten organisieren regelmäßige Fahrten von Berlin nach Almeria. Dort unterstützen sie die lokale Gewerkschaft SOC-SAT, die Aufklärungsarbeit vor Ort betreibt, die Arbeiter von Almeria mobilisiert, Rechtsberatung anbietet und versucht die großen Konzerne politisch unter Druck zu setzen.

Wir haben dem Aktivisten Steffen Vogel drei Fragen zu seinem Kampf gegen moderne Sklaverei gestellt.

The Buzzard: Wie sieht moderne Sklaverei aus, die du in Almeria erlebt hast?

SV: Wir arbeiten sehr eng mit der spanischen Gewerkschaft SOC-SAT zusammen. Die berichten uns regelmäßig von krassen Fällen, bei denen Arbeitsrechte systematisch missbraucht werden. Aber wir erleben das auch selbst, wenn wir vor Ort sind: Die Betriebe bezahlen die Überstunden nicht, es gibt keine Zuschläge an Wochenenden, die Arbeiter*innen müssen Pestizide ohne Schutzanzüge sprühen, die tariflichen Mindestlöhne werden nicht eingehalten, viele Landarbeiter*innen sind gezwungen für einen Hungerlohn zu arbeiten und schuften zehn bis zwölf Stunden am Tag. Und am Ende bleibt ihnen nicht einmal genug für ein eigenes Zimmer, manche von ihnen wohnen in Slums vor den Toren der Gewächshäuser.

Dazu kommt, dass viele Landarbeiter*innen nicht gut Spanisch sprechen. Die Arbeitgeber*innen zwingen sie dann Papiere zu unterschreiben, die sie nicht verstehen. Ich erinnere mich sogar an Fälle, bei denen Betriebe die Erntehelfer dazu gezwungen haben, leere Verträge zu unterschreiben, die die Betriebe dann im Nachhinein mit beliebigen Klauseln bedrucken konnten. Wenn ein Arbeiter sich vor Gericht beschweren sollte, dass ihm bestimmte Gelder nicht ausgezahlt werden, dann sagen die Betriebe: „Ist das deine Unterschrift? Auf diesem Formular hast du unterschrieben, dass du auf das Transportgeld verzichtest.“ Und der Arbeiter ist machtlos.

Ein Aktivist, der in Südspanien gegen moderne Sklaverei kämpft: Drei Fragen an Steffen Vogel

Das Gewächshausanbaugebiet von Almeria ist so groß, dass man es nicht nur wie hier aus dem Flugzeug, sondern angeblich sogar aus dem Weltraum sehen kann ( Link zum Originalbild | Urheber: Schumi4ever | Wikimedia Commons | CC BY-SA 4.0 )

 

The Buzzard: Welche Lösungsansätze hältst du für sinnvoll, um die Situation der modernen Sklaverei in Almeria zu verbessern?

SV: Um das Problem der Ausbeutung in Almeria zu lösen, ist es wichtig zu verstehen, dass es nicht nur einzelne Betriebe sind, die sich falsch verhalten, sondern, dass es sich um eine ganze Kette an Akteur*innen handelt, die Hand in Hand arbeiten. Es ist ein eingespieltes System: Die Betriebe, die Arbeiter*innen schlecht behandeln, die spanische Regierung, die nicht richtig kontrolliert, die EU, deren Regeln diese Zustände noch befördern, die Aussteller von Zertifikaten, die Supermarkt-Ketten und schließlich die Verbraucher*innen. An jedem dieser Punkte könnte man ansetzen.
Mit unserem Verein Interbrigadas versuchen wir das Problem momentan von zwei Seiten anzugehen: Einerseits sind wir vor Ort und unterstützen die Gewerkschaft dabei, die Arbeiter*innen zu mobilisieren. Wir verteilen Flyer vor den Werkstoren, sprechen sie an und informieren sie über den Tarifvertrag. Die Gewerkschaft bietet eine Plattform, über die sie sich organisieren können, bietet Rechtsberatung und unterstützt kollektive Arbeitskämpfe in den Betrieben. So können sich die Bedingungen vor Ort tatsächlich verbessern.
Gleichzeitig üben wir Druck von Deutschland aus auf die Lieferketten aus. Wir dokumentieren die Missstände, veröffentlichen sie und gehen damit zu den Zwischenhändlern, den Unternehmen, die die Zertifikate ausstellen und zu den Supermärkten. Bei einem großen Gemüseproduzenten, der Firma Eurosol, hat das nun sehr erfolgreich geklappt. Der Gemüseproduzent hat Arbeiter*innen nach einem Streik entlassen, wir haben unser Infomaterial dann von Deutschland aus an Supermärkte und Zertifizierungsunternehmen weitergeleitet und Druck ausgeübt. Und tatsächlich: Das hat Wirkung gezeigt. Die Unternehmensleitung von Eurosol hat sich zu Verhandlungen mit der Gewerkschaft bereit erklärt und dann die entlassenen Arbeiter*innen wieder eingestellt. Seitdem hält sie den Tarifvertrag und die Arbeitsrechtsvorgaben ein.

The Buzzard: Kannst du mittlerweile noch guten Gewissens im Supermarkt einkaufen?

SV: (Lacht) Das ist tatsächlich schwieriger geworden für mich. In den meisten Produkten, die wir kaufen, steckt ja wirtschaftliche Ausbeutung – nicht nur in Tomaten, sondern auch in unserer Kleidung, unseren Handys. Prinzipiell bin ich aber der Meinung, dass die Hauptverantwortung nicht beim Konsumenten liegt, denn viele können sich einen komplett ökologischen oder ethischen Konsum gar nicht leisten. So lange sich das Wirtschaftssystem nicht ändert, wird die Ausbeutung von Arbeiter*innen nicht verschwinden. Wir können aber Druck auf die Politik machen – und Arbeitskämpfe vor Ort unterstützen.

Mehr zur Arbeit von Steffen Vogel und Interbrigadas finden Sie hier.

Die Fragen stellte Dario Nassal.

 

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