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Wie der IS das Vertrauen der Menschen gewann
Wie der IS das Vertrauen der Menschen gewann

Der tägliche Blick über den Tellerrand mit The Buzzard.

Guten Morgen,

gestern ging es in unserem täglichen Perspektivwechsel um den Südirak, heute empfehlen wir einen Text, der von einer Stadt im Nordirak handelt: Die Journalistin Rukmini Callimachi hat für die NEW YORK TIMES ein beeindruckendes Stück darüber geschrieben, wie es dem IS gelang, Polizeikräfte zu installieren, die das Vertrauen der Bewohner von Tel Keppe (Tel Kaif) gewinnen konnten.

Die „Shorta Islamiya“ trat 2016 in der Stadt offenbar als sehr effiziente Ordnungsmacht auf: Sie klärte für die Bürger Verbrechen auf und löste Streitigkeiten unter den Bewohnern, mit denen diese sich im Alltag herumärgerten. Dokumente der Polizeiwache, die Journalisten dort fanden und die irakische Sicherheitskräfte später der New York Times übermittelten, geben Aufschluss über Hunderte Fälle – es wurde der Diebstahl einer Kuh gemeldet, dass ein Mann einem anderen Geld schuldet oder ein Nachbar unhöflich grüßt.

Teils müsse es absurd vor sich gegangen sein, schreibt die Journalistin Callimachi. IS-Leute, die eigentlich für ihre Grausamkeit bekannt geworden sind, müssen wie „Schulrektoren aufgetreten sein, die mit widerspenstigen Kindern schimpfen“.

Callimachi schildert einige konkrete Beispiele, etwa den Fall von Zaid Imad Khalaf, der einem Kunden, in dem Fall ein IS-Kämpfer, ein frisch geschlachtetes Huhn verkauft. Er verlangt 8000 Dinar, etwa sechs Euro. Der Käufer sagt, er habe nur 4000 Dinar, wolle aber morgen wiederkommen, um den Rest zu bezahlen.

„Normalerweise würde die Geschichte hier enden“, schreibt die Journalistin, „mit einem armen Mann, der von einem mächtigerem betrogen wurde.“ Aber statt sich mit dem Verlust abzufinden, zeigt der Verkäufer den Betrüger eine Woche später wegen der fehlenden etwa 3 Euro auf der Polizeiwache an. Tags darauf hat der Verkäufer sein Geld. Der IS-Kämpfer war zu ihm geeilt und hatte gezahlt – aus Angst vom IS bestraft zu werden.

Alles ist peinlich genau in den Unterlagen der IS-Polizei dokumentiert, die von Opfer und Täter mit Fingerabdrücken in violetter Tinte besiegelt wurden, und nun bei der NYT digitalisiert werden.

Die Strategie des IS sei eindeutig, resümiert Callimachi: Die Terrormiliz habe zeigen wollen: Wir sind effizienter als die irakische Regierung und wir bestrafen auch unsere eigenen Leute, ihr könnt uns vertrauen. Und damit hatte er Erfolg.

„Sobald der Islamische State einbezogen wurde, verschwand das Problem. (…) Das war effizient, denn die Menschen hatten Angst vor ihm. Wenn du hörst, dass du auf die Polizeiwache von ISIS zitiert wurdest, tust du alles, um das zu vermeiden.“

 

Hier entlang zum Originalartikel.

 

Hier beschreibt Callimachi, wie sie und ihre Kollegen die Dokumente im Irak vorgefunden haben.

Jeden Montag- bis Freitagmorgen um 7 Uhr erscheint an dieser Stelle der Perspektivwechsel am Morgen. Hier finden Sie täglich einen Artikel, der zu einem aktuellen Tagesthema eine alternative Sichtweise bietet. In unserem Archiv finden Sie darüber hinaus Debattenübersichten zu den wichtigen politischen Themen unserer Zeit. Zum Beispiel zur Frage: Sollte der Westen stärker mit dem Iran kooperieren?

Wer steckt dahinter?

Clara Lipkowski
Kommt aus:Gebürtig aus Essen, aktuell in Bayern
Arbeitet für/als:Freie Journalistin
Was Sie noch wissen sollten:Lebte studiumsbedingt in Düsseldorf, Berlin und St. Petersburg. Nun berufsbedingt in München. Interessiert am politischem Weltgeschehen, Sprachen, Kultur und der russischen Weite.
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