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Schuld am Dieselskandal sind die patriarchalen Strukturen in der Autobranche
Schuld am Dieselskandal sind die patriarchalen Strukturen in der Autobranche
( Link zum Originalbild | Urheber: Pixabay | Pexels | CC0 Public Domain )

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in der Abgasaffäre tut sich was: Seit Montag sitzt Audi-Chef Rupert Stadler in Untersuchungshaft. Die Münchner Staatsanwaltschaft nannte Verdunklungsgefahr als Grund für die Verhaftung. Der SPIEGEL schreibt, dass Ermittler vorige Woche Stadlers Wohnung durchsucht hätten. Dabei seien sie auf Hinweise gestoßen, dass Stadler womöglich planen könnte, Beweismittel zu vernichten oder Zeugen und andere Beschuldigte zu beeinflussen. Die Staatsanwaltschaft führt Stadler seit dem 30. Mai als Beschuldigten und wirft ihm Betrug und mittelbare Falschbeurkundung vor. Grund dafür sei, dass Audi seit 2009 Dieselautos mit illegalen Abschalteinrichtungen in Europa und den USA verkauft habe.

In den Medien wird die Verhaftung Stadlers unterschiedlich kommentiert. Das HANDELSBLATT betitelt die Entscheidung der Staatsanwaltschaft als „folgenschwerste Eskalation in der Abgaskrise“ und schreibt: „Erstmals muss ein aktiver Vorstandschef der deutschen Autoindustrie ins Gefängnis. Ein stärkeres Statement der Strafverfolger gibt es nicht.“ Die Festnahme Stadlers sei eine Quittung an Audi und VW, die sich seit Beginn der Abgaskrise bisher wenig kooperativ der Staatsanwaltschaft gegenüber gezeigt hätten.

Die WELT sieht in der Verhaftung Stadlers „eine neue Dimension der Dieselaffäre“. Obwohl die Machenschaften von Audi und VW schon seit drei Jahren bekannt seien, hätten bisher nur US-amerikanische Manager der unteren Ebene die Konsequenzen zu spüren bekommen. In Deutschland habe es keine Anklage gegeben und Audi habe bis vor kurzem sogar noch Autos mit manipulierter Software verkauft. „Da scheint es nicht unangemessen hart, wenn die Behörden nun härtere Geschütze auffahren, um an die Wahrheit zu kommen“, resümiert der Kommentator.

Während die meisten Medienstimmen sich mit den direkten Auswirkungen der Verhaftung Stadlers auseinandersetzen, betrachtet die Journalistin Angelika Slavik die Dieselaffäre als Zeichen eines größeren Problems. In der SÜDDEUTSCHEN schreibt sie, dass die Wurzeln des Skandals in einer rückständigen Konzernkultur bei VW und Audi liegen. Frauen hätten auch nach Jahrzehnten noch immer keinen Platz im Konzernvorstand – genauso wenig wie „unterschiedliche kulturelle und soziale Prägungen bei Mitarbeitern und Führungspersonal“. Zudem hätte VW jahrelang wichtige Innovationen, wie Elektroantrieb oder Carsharing, völlig versäumt. Auch das zeige deutlich: „Das patriarchale Führungsmodell ist krachend gescheitert.“ Slavik hofft, dass die Verhaftung des Audi-Chefs rückblickend als Wendepunkt gesehen wird, an dem die Autoindustrie verstanden hat, dass sich nicht nur die Anforderungen an Autos, sondern auch an die Menschen in den Führungsetagen geändert haben. Die „Gockelkultur“, die Slavik der Autobranche attestiert, sei jedenfalls keine Option mehr.

 „Die Abgasaffäre wurzelt beim VW-Konzern, zu dem auch Audi gehört, vor allem in einer rückständigen Konzernkultur. Während in anderen Branchen Hierarchien abgebaut, neue Denkmuster gefördert, innovative Arbeitszeitmodelle getestet wurden, tat sich bei Volkswagen nichts. Die Absatzzahlen waren ja prächtig, da sah niemand Anlass, sich Gedanken zu machen: über den Wert von Kritik und Widerspruch, zum Beispiel. Oder über die Frage, warum es jahrzehntelang keine einzige Frau in den Vorstand dieses Konzerns geschafft hat.“

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Wer steckt dahinter?

Stephanie Berens
Kommt aus:Deutschland
Politische Position:Versteht sich als Feministin und interessiert sich für Gender und Queer Studies.
Arbeitet für/als:Studiert Amerikanistik im Master an der LMU München und ist Redakteurin bei The Buzzard.
Was Sie noch wissen sollten:Schreibt für das Münchner Studentenmagazin „unikat“ und hat bei The Buzzard sowie bei der Sedona Red Rock News in den USA Praktika absolviert.
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