Zurück zur Debattenübersicht
Fußball kann nichts dafür, dass die Mächtigen den Sport ausnutzen
Fußball kann nichts dafür, dass die Mächtigen den Sport ausnutzen
( Link zum Originalbild | Urheber: Agencia Brasil | Wikimedia Commons | CC BY 3.0 BR )

Das Argument in Kürze:

Fußball ist nicht das Problem. Das Problem sind die Politiker, meint der Buchautor Matthias Heitmann. Seit Jahrzehnten nutzen Kanzler und Präsidenten überall auf der Welt Fußball-Großereignisse, um volksnah zu wirken: Sie jubeln auf den Zuschauertribünen, lassen sich mit Spitzenspielern fotografieren und halten Ansprachen mit Fußballmetaphern, um zum Beispiel über Wirtschaftskrisen hinwegzutäuschen, schreibt Heitmann. Das Problem sei daher nicht, dass der Fußball zu mächtig ist, sondern, dass Politiker den Fußball missbrauchen.

Merkel ist genau so manipulativ wie Putin

In Deutschland regen sich zurzeit viele Menschen darüber auf, dass der russische Präsident Putin die Fußball-Weltmeisterschaft für politische Zwecke instrumentalisiert. Heitmann hält diese Aufregung für überzogen. Er schreibt: „Dass sich die Politik gerne im Scheinwerferlicht des Spitzenfußballs sonnt, ist weder ein neues Phänomen noch eine Besonderheit autoritärer Staaten.“

Dann erinnert er an die WM 2006 und erläutert, wie Merkel das „Sommermärchen“ nutzte, um darüber hinwegzutäuschen, dass die Wirtschaft stagnierte und viele Menschen arbeitslos waren.

Ähnlich sei es in Südafrika 2010 und in Brasilien 2014 zugegangen. Während der Turniere vertuschten Politiker die Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft, schreibt er. Aber kurz nachdem die Fußballteams und Journalisten abreisen, kommen die Probleme wieder zum Vorschein. Anstatt sich über Russland aufzuregen, sollte man deshalb lieber der Politik insgesamt „die rote Karte zeigen“, fordert Heitmann.

„Das Fußballstadion ist einer der wenigen Orte, an denen Politiker sich heute ‚eins‘ fühlen können mit den Wählern: als Anhänger eines Teams. Gleichzeitig bietet der Sport der Politik eine Ebene, um den Menschen näher zu kommen. Man erinnere sich daran, wie lange die Aufnahmen der im Stadion jubelnden Kanzlerin Merkel ihr Image positiv beeinflussten. Immer wieder versuchte sie seither, diese Wirkungen zu wiederholen.“

Warum wir den Beitrag empfehlen

Es ist leicht, andere moralisch zu verurteilen. In der Debatte um den WM-Boykott passiert das oft: Politiker, die Putin dafür kritisieren, dass er das Turnier für politische Zwecke nutzt, implizieren damit auch, dass sie das nicht tun – oft mit erhobenem moralischen Zeigefinger. Heitmanns Text bietet da einen willkommenen Perspektivwechsel. Er zeigt, dass Politiker überall auf der Welt den Fußball für ihre Zwecke nutzen und zwingt uns, genauer hinzuschauen, wenn Merkel das nächste Mal auf der Tribüne jubelt.

Dieser Beitrag wird empfohlen von Dario Nassal.

Wer steckt dahinter?

Matthias Heitmann
Kommt aus:Frankfurt am Main
Arbeitet für/als:Freier Journalist und Buchautor. Heitmann schreibt unter anderem für die WELT, die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, das Magazin CICERO und den Blog DIE ACHSE DES GUTEN.
Was Sie noch wissen sollten:Heitmann hat Politikwissenschaften, Philosophie und Rechtswissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main studiert. In seinem Buch „Zeitgeisterjagd“ kritisiert der Autor, dass viele öffentliche Debatten in Deutschland mit einem zu misanthropischen und pessimistischen Grundtenor geführt werden. Er setzt sich deshalb dafür ein, den – wie er es ausdrückt – „zynischen und lähmenden Zeitgeist aus unseren Köpfen zu verjagen“. Mehr Informationen zu Heitmann finden sich auf seiner Homepage zeitgeisterjagd.de.
Lies The Buzzard ab sofort in deinem E-Mail Postfach. Nein danke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.