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Der Begriff ‘christliches Abendland’ ist geistiger Müll
Wir sollten uns zu unserer christlich-jüdischen Leitkultur bekennen

Das Argument in Kürze:

Marschiert Pegida auf, warnen die Demonstranten davor, dass das Abendland dringend vor dem Untergang gerettet werden müsse. Auch viele Politiker bemühen zurzeit den Begriff „christlich-jüdische Tradition”, die mit Hinblick auf die Zuwanderung meist muslimischer Flüchtlinge bewahrt werden müsse. Der Historiker Michael Wolffsohn hält diese Argumentation für falsch: „Der Begriff christliches Abendland ist geistiger Müll”, schreibt er in einem Gastbeitrag in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Es handele sich dabei lediglich um ein erfundenes Narrativ. Denn: Das christliche Abendland gibt es ihm zufolge gar nicht.

Die christliche Tradition, auf die sich heute viele Menschen berufen, ist so gar nicht gewachsen

Wolffsohn gibt ein Beispiel, um dies zu erklären: Bis ins 4. Jahrhundert sei das Abendland nicht nur heidnisch, sondern jüdisch gewesen. Sich auf lang gewachsene Tradition der Christen zu berufen ist so gesehen falsch. Hinzukommt: „Lange bevor die Germanen Christen wurden, gab es in Europa Juden.”

Außerdem hätten kriegerische Auseinandersetzungen der vergangenen Jahrhunderte immer wieder die Religionen zwischen Abendland und Morgenland vermischt, schreibt Wolffsohn. Also konnte gar kein rein christliches Abendland entstehen. Er nennt als Beispiele die Osmanenherrschaft und die Türken vor Wien. Auf einen Vorstoß (z.B. Perserkriege) sei immer auch ein Gegenstoß (Alexander der Große) erfolgt. Dass Menschen konvertierten, war eine normale Folge, aus freien Stücken oder wie bei der Zwangschristianisierung unter Frankenkönig Karl „dem Großen”.

Auch in der Gegenwart zeigt sich: Die Bedeutung der Kirche schwindet

Er springt zudem in die Gegenwart um zu erklären, warum das Christentum Deutschland heute nicht mehr besonders prägt. Ein Grund sei, dass mit der Gastarbeiterzuwanderung der frühen 1960er Jahre viele Muslime ins Land kamen. Ein anderer Grund ist, dass die Bedeutung der Kirche dadurch schwinde, dass Kirchenmänner und -frauen viel mehr Politik machten als Gläubigen einen Zugang zu Religion zu bieten. Den Verlust an Bedeutung sehe man auch an der großen Zahl der Kirchenaustritte. Und daran, dass das Interesse an kirchlichen Traditionen und Feiertagen nicht mehr besonders groß sei, was sich daran zeige, dass nur noch wenige Menschen wüssten, warum Christen Ostern, Weihnachten oder Pfingsten feiern.

Warum wir diesen Artikel empfehlen:

Wolffsohn bereichert die Debatte um eine historische Sicht. Er setzt die teils hysterisch geführte Diskussion, die heute vor allem wegen der aktuellen Flüchtlingspolitik geführt wird, in einen großen, viele Jahrhunderte übergreifenden Kontext und dekonstruiert das Argument, die christliche Kultur sei vom Untergang bedroht. Allerdings bleibt er, obwohl er sich direkt auch auf Pegida und die aktuelle Flüchtlingspolitik bezieht, unkonkret, wie sich die religiöse Entwicklung in Deutschland über die Jahrhunderte vollzog.

Dieser Beitrag wird empfohlen von: Clara Lipkowski

Wer steckt dahinter?

Michael Wolffsohn
Kommt aus:Berlin
Politische Position:Wolffsohn schaltet sich oft in politische Debatten ein oder regt diese an. Dabei bezieht er oft eindeutige Positionen, zum Beispiel forderte er die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland oder kritisiert, dass sich die Evangelische Kirche in Deutschland “nicht selten wie der verlängerte rot-grüne Arm darstellt.”
Arbeitet für/als:Historiker und Publizist.
Was Sie noch wissen sollten:Von 1981 bis 2012 lehrte er Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr München.
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