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Merkel und Macron müssen stärker zusammen arbeiten, nur so hat Europa eine Zukunft
Merkel und Macron müssen stärker zusammen arbeiten, nur so hat Europa eine Zukunft
( Link zum Originalbild | Urheber: Martin Kraft | Flickr | CC BY-SA 2.0 )

Das Argument in Kürze:

Der ehemalige türkische Wirtschaftsminister Kemal Derviş ist überzeugt: Angela Merkel muss jetzt handeln! Die Bundeskanzlerin solle mit Macron stärker zusammenarbeiten und die Europäische Integration voranbringen. Denn Derviş sieht nur einen Weg, um im Wettkampf um Geopolitik und Wirtschaft im 21. Jahrhundert zu bestehen: Mehr Supranationalität. Sonst zerfalle die EU in ihre Einzelteile.

Die Einzelstaaten der EU sind nicht stark genug

Die Reformen von Emmanuel Macron klingen ehrgeizig, schreibt Derviş: Ein EU-Finanzminister, ein Parlament für die Eurozone, die Bankenunion [mehr zu diesen Vorhaben finden Sie in folgenden Beiträgen dieser Debatte: Beitrag von Mark Schieritz, Beitrag Daniel Stelter und die aktuelle Faktenbox]. Und dieser Ehrgeiz sei genau richtig. Denn die Unionsstaaten werden einzeln niemals gegen Weltmächte wie China und die USA ankommen, meint Derviş.

Als supranationale Macht allerdings bestehe für die EU die Chance, im weltweiten ökonomischen Wettkampf  und in der Geopolitik ganz vorne mit dabei zu sein. Schon jetzt ist das BIP des europäischen Binnenmarktes größer als das von China oder den USA, unterstreicht Derviş. Die EU habe eine gewaltige Marktmacht. Aber im internationalen Wettkampf könne sie diese Macht nur ausschöpfen, wenn die Union wirtschaftlich und außenpolitisch geschlossen auftritt. Dafür brauche es Macrons Reformvorschläge; es liege an Frankreich und Deutschland, die europäische Integration zu vollenden.

Reformen jetzt oder nie

Der Zeitpunkt ist perfekt: Die Unionsstaaten haben die Finanzkrise größtenteils bewältigt und die Bürger unterstützen die EU mehrheitlich, betont Derviş. Er zitiert die Zahlen des Eurobarometers von 2017, in der mehr als 75 Prozent der Befragten angeben, dass sie die EU befürworten – im Vergleich zu 2016 ist der Wert um sechs Prozentpunkte gestiegen. Auch der Sieg von Macron in Frankreich und die Wiederwahl von Merkel in Deutschland belegten, dass pro-europäische Kräfte in der Überzahl seien. Diese Stimmung müsse man nutzen. Die Kanzlerin solle jetzt nicht zögern, sondern handeln.

Warum wir den Beitrag empfehlen:

Kemal Derviş lenkt die Debatte weg vom Klein-Klein der deutsche Innenpolitik und zeigt die großen geopolitischen Zusammenhänge auf. Das ist nachvollziehbar, denn Derviş hat nicht nur als türkischer Wirtschaftsminister gearbeitet, sondern zuvor mehr als 24 Jahre  in leitenden Funktionen bei der Weltbank in Washington; er hat die EU stets von außen betrachtet, aus Sicht der USA ebenso wie aus Sicht der Türkei. Wer seinen Text liest, kann die Meta-Perspektive nachvollziehen, aus der Strategen in Brüssel und Paris zurzeit über die Europäische Integration nachdenken: Die Konkurrenz von China und den USA ist das eigentliche Problem, um zu viel Supranationalität müsse man sich da keine Sorgen machen. 13 Prozent für die AfD sind aus dieser Sichtweise nur ein Schönheitsfehler, ein Nebenschauplatz in einem viel größeren Spiel.

Dieser Beitrag wird empfohlen von: Dario Nassal

Wer steckt dahinter?

Kemal Derviş
Kommt aus:Istanbul, Türkei
Politische Position:Derviş war kurze Zeit, von 2001 bis 2002, als parteiloser Wirtschaftsminister unter Ministerpräsident Bülent Ecevit tätig. Er setzte sich für einen pro-westlichen, säkularen Kurs der Türkei ein. Schaffte es aber nicht zu seinem eigenen Bedauern bei der Integration der Türkei in die EU nennenswerte Fortschritte zu erzielen. Nachdem die Ecevit-Regierung im Sommer 2002 zerbrach, trat Derviş zurück.
Arbeitet für/als:Derviş arbeite 24 Jahre bei der Weltbank, in verschiedenen leitenden Funktionen. 1996 wurde er Vizedirektor der Weltbank. Nach seiner Zeit als türkischer Wirtschaftsminister wechselte Derviş 2005 zu den Vereinten Nationen, wo er zum Direktor des Entwicklungsprogramms UNDP ernannt wurde.
Was Sie noch wissen sollten:Derviş arbeitet momentan beim Think Tank Brookings Institut, das in Washington sitzt. Er twittert unter @Kemal_Dervis.
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