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Der Perspektivwechsel am Morgen: Gülen-Bewegung für Putschversuch in der Türkei verantwortlich?
Der Perspektivwechsel am Morgen: Gülen-Bewegung für Putschversuch in der Türkei verantwortlich?

Der tägliche Blick über den Tellerrand mit The Buzzard.

Guten Morgen,

noch immer berichten deutsche Medien nahezu täglich, dass Anhänger der Gülen-Bewegung durch türkische Sicherheitskräfte festgenommen werden. Noch immer gilt in der Türkei der Ausnahmezustand.
In der Nacht zum 16. Juli 2016 hatten Teile des Militärs versucht, die türkische Regierung zu stürzen. Präsident Erdoğan ist überzeugt, dass der islamische Prediger Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich ist. Kurz nach dem gescheiterten Umsturzversuch folgten Festnahmen und Entlassungen mutmaßlicher Gefolgsleute Gülens. Bis heute wurden insgesamt etwa 160.000 Menschen festgenommen und ebenso viele Angestellte im öffentlichen Dienst entlassen.

Fast zwei Jahre später dauert die Debatte weiterhin an. Nach wie vor besteht keine Klarheit über die Geschehnisse und darüber, welche Rolle Gülen und seine Anhänger tatsächlich gespielt haben.
Der Präsident des Bundesnachrichtendienstes Kahl zeigte sich im März 2017 überzeugt, dass die Gülen-Bewegung nicht für den Militärputsch verantwortlich ist. Er widersprach damit der türkischen Regierung, deren Ansicht nach die Gülen-Bewegung extremistisch und terroristisch sei. Der Putsch sei indessen, so Kahl weiter, ein willkommener Vorwand für die Massenentlassungen in der Türkei gewesen. Der gleichen Überzeugung ist auch das außenpolitische Komitee des britischen Parlaments sowie der Geheimdienstausschuss im US-Parlament. Politische Beobachter äußerten zudem den Verdacht, die türkische Regierung sei über den bevorstehenden Militärputsch informiert gewesen und habe bewusst nicht früher eingegriffen. Gülen selbst warf Erdoğan sogar vor, den Putsch inszeniert zu haben.

Eine neue Sicht auf die Ereignisse bietet der Beitrag des Türkei-Korrespondenten Ulrich von Schwerin für das Online-Magazin QANTARA. Er bezieht sich in seinen Ausführungen auf die erste wissenschaftliche Studie zur Gülen-Bewegung seit dem Putschversuch. Nach außen stelle sich die Gülen-Bewegung als liberale, basisdemokratische Graswurzelbewegung dar. Jedoch komme die Studie zu einem anderen Ergebnis: Gülen wolle eine „goldene Generation“ heranziehen, die in der Lage wäre, die Türkei nach seinen Vorstellungen zu verändern. Nach dem Zerwürfnis Gülens mit Erdoğan drohte der Bewegung die Zerschlagung durch die türkische Regierung. Sie sei somit zum Handeln gezwungen gewesen. Es liege deswegen durchaus nahe, dass Gülen und seinerAnhänger tatsächlich den Putschversuch initiiert haben. Jedenfalls sei es naiv, die Gülen-Bewegung als harmlosen Bildungsverein anzusehen, wie sie sich selbst nach außen zu präsentieren pflege. Daher sei es gerade in Deutschland, wo die Bewegung etwa 25 Schulen betreibt, dringend notwendig, die Gülen-Bewegung kritisch neu zu bewerten.

Hier entlang zum Originalartikel.

Jeden Montag- bis Freitagmorgen um 7 Uhr erscheint an dieser Stelle der Perspektivwechsel am Morgen. Hier finden Sie täglich einen Artikel, der zu einer tagespolitischen Angelegenheit eine alternative Sichtweise bietet. Um sich eingehender mit der Politik Erdoğans auseinanderzusetzen, empfehlen wir diese Debatte

Wer steckt dahinter?

Oliver Haupt
Kommt aus:Gebürtig aus Freiberg, lebt seit mehreren Jahren in Leipzig.
Politische Position:Mitte-links
Arbeitet für/als:Studiert Philosophie und Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Ist seit Oktober 2017 Redakteur bei The Buzzard.
Was Sie noch wissen sollten:Seine (wissenschaftlichen) Interessen liegen vor allem in der Politischen Philosophie, Ideengeschichte und Politischen Ökonomie. Insbesondere befasst er sich mit klassischer, als auch aktueller Kapitalismus- sowie Demokratiekritik und damit zusammenhängenden Disziplinen.
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