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Die Debatte der Woche: Sollten wir unsere Gesundheit in die Hände künstlicher Intelligenz legen?
Die Debatte der Woche: Sollten wir unsere Gesundheit in die Hände künstlicher Intelligenz legen?

Siri ruft den Patienten auf. Ihre Stimme ist immer geduldig, betont jeden Satz gleich. Der Patient kennt sie von seinem eigenen Smartphone. Er geht ins Behandlungszimmer, wo Siri ihn auffordert, sich hinzusetzen. Die Liege fährt sich herunter, dann kommt ein Roboterarm auf ihn zu und hört seinen Puls ab, Blut wird abgenommen. Die Diagnose erhält der Patient binnen Sekunden als Nachricht auf sein Handy.

Google, Apple und IBM investieren Milliarden in Künstliche Intelligenz 

Wird so in Zukunft ein Arztbesuch aussehen? Künstliche Intelligenz im Medizin-Sektor macht rapide Fortschritte. Was für den einen nach Dystopie klingt, oder für den anderen nach Science-Fiction, ist jetzt schon Realität: Algorithmen erkennen mittlerweile, ob ein Patient Krebs hat, Roboter können berechnen, wie lange ein Mensch noch leben wird und Apps empfehlen Medikamente. Google, Apple und IBM investieren jedes Jahr Milliarden Dollar, um künstliche Intelligenz in der Medizin voranzutreiben.

Dabei stoßen sie auf wenig Widerstand. Die Deutschen halten den Medizin-Sektor mehrheitlich für den sinnvollsten Einsatzort künstlicher Intelligenz. Das geht aus einer aktuellen Studie des Verbandes der Digitalwirtschaft Bitkom hervor. Auch Ärzte stehen nach einer anderen aktuellen Studie der Digitalisierung der Krankenhäuser aufgeschlossen gegenüber. Und sie wissen, wovon sie sprechen: Moderne Medizin ist ohne künstliche Intelligenz schon nicht mehr denkbar. Klar – einen voll automatisierten Arztbesuch, wie wir ihn oben beschrieben haben, gibt es in Deutschland noch nicht. Aber künstliche Intelligenz hilft in vielen Fällen bei der Diagnose, wertet Daten und Bilder aus und empfiehlt Therapien.

Die ethischen Fragen bleiben ungeklärt

Die gesellschaftliche Debatte zum Einsatz der künstlichen Intelligenz ist jedoch bislang ausgeblieben. Dabei gibt es viele ungeklärte Fragen. Wie steht es eigentlich um die Schweigepflicht der Roboter? Wo landen die intimen Patientendaten, die sie verarbeiten? Und wer ist verantwortlich, wenn doch mal etwas schiefgeht? Roboter und Algorithmen werden auch nur von Menschen gemacht – und Menschen machen Fehler. Die Revolution des Medizin-Sektors betrifft uns alle. Denn gesamte Bevölkerungsschichten werden anders behandelt und diagnostiziert werden, Fragen über Leben und Tod werden auf einer ganz anderen Basis beantwortet werden. Fortschritt aufhalten können wir nicht. Aber als Gesellschaft können wir ihn auf andere Bahnen lenken.

Wir finden es ist Zeit für eine Debatte. Und Sie offenbar auch. Schließlich ist diese Frage der Gewinner unserer aktuellen Leser-Abstimmung:

Sollten wir unsere Gesundheit in die Hände von künstlicher Intelligenz legen?

Die Stimmen, die wir in unserer Debatte zeigen, könnten unterschiedlicher kaum sein. Ja, schreiben Wissenschaftler und Journalisten: Algorithmen können mehr als Ärzte. Sie schaffen in geringerer Zeit eine genauere Diagnose – und müde werden sie auch nie. Nein, schreiben andere: Etwa, weil der Einsatz von künstlicher Intelligenz die Ungleichheiten im medizinischen System verstärken würde. Oder, weil Algorithmen keine ethischen Grenzen können. Oder auch, weil wir keine Möglichkeit haben, so etwas wie Überlebenswillen zu messen, weil Gefühle im Kalkül von berechnenden Robotern keine Rolle spielen.

Die Debatte der Woche: Sollten wir unsere Gesundheit in die Hände künstlicher Intelligenz legen?

Auf der anderen Seite gibt es den Ärztemangel. Auch in Deutschland: Will man hierzulande medizinischen Rat von einem Facharzt, muss man derzeit häufig vier, fünf Monate oder sogar länger auf einen Termin warten. Viele Ärzte vor allem im ländlichen Raum nehmen keine neuen Patienten mehr auf. Wenn künstliche Intelligenz die Diagnose übernehmen würde, hätten Ärzte mehr Zeit, sich um die Patienten zu kümmern. An Datenmengen zur Analyse sollte es dabei nicht fehlen: Etwa ein Drittel der Menschen in Deutschland trägt sogenannte Fitnesstracker mit sich herum, die jederzeit den körperlichen Zustand, aber auch den Aufenthaltsort und andere Daten messen. Einen Überblick über die Daten haben dabei nicht nur die Träger der Fitnesstracker, sondern auch deren Hersteller – und die lassen Anwender meist in den AGBs unterschreiben, dass sie die Daten an Dritte weitergeben dürfen. Auch hierin zeigt sich wie ambivalent der Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Medizin ist. Werden in Zukunft Algorithmen darüber entscheiden, ob eine Versicherung bereit ist, einen Patienten aufzunehmen? Wer hat Zugriff auf Gesundheitsdaten? Was wenn sich Hacker in die Systeme einschleusen und mitlesen?

Neben der künstlichen Intelligenz hält übrigens auch der Internetausbau spannende Neuerungen für die Medizin bereit: Durch das sogenannte taktile Internet könnten mithilfe von bestimmten Handschuhen und einer stabilen Internetverbindung zukünftig auch Operationen aus der Ferne möglich sein. Die digitale Revolution wird in den nächsten 30 Jahren unsere Gesellschaft auf den Kopf stellen, sie wird jeden Aspekt unseres Lebens verändern. Auch den Arztbesuch, auch die Krankenhäuser, auch die Patientenakten. Wenn wir nicht jetzt eine gesellschaftliche Debatte darüber anstoßen, wer Zugriff auf die Technik der Zukunft haben wird und nach welchen Regeln die Algorithmen programmiert werden, dann wachen wir womöglich eines Tages wirklich in einem Science-Fiction Film auf. Nur eben ohne Happy End.

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Wer steckt dahinter?

Alisa Sonntag
Kommt aus:Ursprünglich aus dem Raum Chemnitz, aktuell in Leipzig.
Politische Position:Arbeitet bei THE BUZZARD, weil sie möglichst viele Menschen ermutigen möchte, die eigene Filterblase ab und an mal zu verlassen.
Arbeitet für/als:Studiert in Halle an der Saale "Multimedia und Autorschaft" und "International Area Studies" im Master. Arbeitet unter anderem für The Buzzard, die Mitteldeutsche Zeitung und die Freie Presse Chemnitz als freie Journalistin.
Was Sie noch wissen sollten:Hat ihr Bachelorstudium in Politik- und Kommunikationswissenschaften abgeschlossen.
Lies The Buzzard ab sofort in deinem E-Mail Postfach. Nein danke

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