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Der Perspektivwechsel am Morgen: Vollständiger Kontrollverlust in Syrien?
Der Perspektivwechsel am Morgen: Vollständiger Kontrollverlust in Syrien?

Der tägliche Blick über den Tellerrand mit The Buzzard.

Heute: Die andere Sicht

 

Guten Morgen,

seit nunmehr einem Monat läuft die türkische Militäroffensive „Operation Olivenzweig” auf die syrische Stadt Afrin. Dort verteidigt die Kurdenmiliz YPG seitdem ihre Enklave gegen die türkische Armee. Erdoğan bezeichnet die YPG als Terrororganisation und sieht in ihr den syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Er will die Kurdenmiliz deswegen aus dem Gebiet vertreiben. Um ein weiteres Vorrücken der türkischen Streitkräfte zu verhindern, ersuchten die kurdischen Volksverteidigungseinheiten bereits Ende Januar Hilfe durch die syrische Regierung. Am Montag einigten sich YPG und die Regierung in Damaskus auf eine militärische Zusammenarbeit. Daraufhin rückten gestern regierungstreue syrische Einheiten in Afrin ein, um sich an der Verteidigung der Landesgrenzen Syriens zu beteiligen. Der türkische Staat reagierte darauf mit Artillerieangriffen, wie Erdoğan schon am gestrigen Vormittag angedroht hatte. Zuvor hatte er mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin, wohlgemerkt dem engsten Partner Assads, telefoniert und sich schließlich zu diesem Vorgehen entschlossen. Laut dem Nahostreferenten der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) Kamal Sido sind seit dem Beginn der Militäroperation in Afrin mindestens 183 Zivilisten getötet und 431 verletzt worden. Zudem etwa mussten etwa 70.000 Menschen fliehen. Der türkische Staat, der im Übrigen Mitglied der NATO ist, dementiert diese Zahlen.

Die Situation in Syrien verschärft sich infolgedessen immer weiter. Im Rebellengebiet Ost-Ghouta nahe der Hauptstadt Damaskus seien ebenso fast 200 Zivilisten in weniger als 48 Stunden durch Luftangriffe des Assad-Regimes getötet wurden. Auch wenn der Konflikt in Syrien mittlerweile fast auf den Tag genau sieben Jahre andauert, sei die Lage so schlimm wie selten zuvor, berichtet Jakob Kern vom Welternährungsprogramm der UN. Es seien in den letzten Wochen und Monaten zu viele Konflikt-Hotspots gleichzeitig entbrannt. Wibke Becker zweifelt daher in ihrem Kommentar für die FAZ daran, ob Syrien überhaupt noch als Staat bezeichnet werden könne. Jeder könne sich in Syrien durch militärische Gewalt das einverleiben, was ihm beliebe. Noch schlimmer sei, dass es keine richtende Instanz gäbe, die diesen Bestrebungen Einhalt gebieten würde. Denn alle infrage kommenden Parteien seien – wie auch immer – in diesen Krieg involviert. Außerdem gibt Becker einen kompakten Überblick über die Konfliktparteien in Syrien.

Hier entlang zum Originalartikel.

Becker spricht in diesem Zusammenhang von einem „Weltkrieg auf begrenztem Gebiet” und spricht aus, was sich in der deutschen Medienlandschaft bisher nur wenige getraut haben. In Syrien scheint dieser Tage fast alles erlaubt zu sein. Wer sollte dieser Situation Herr werden können? Diese Frage stellt sich auch Becker. Der Westen jedenfalls schaut weiterhin weg. Möglicherweise aus besagter Unfähigkeit heraus. Oder aber aus Gewohnheit und Ignoranz.

 

Jeden Montag- bis Freitagmorgen erscheint um 7 Uhr an dieser Stelle der Perspektivwechsel am Morgen. Hier finden Sie täglich einen Artikel, der zu einer tagespolitischen Angelegenheit eine alternative Sichtweise bietet. Ausführlicher befassen wir uns mit dem syrischen Präsidenten Assad in dieser Meinungsübersicht

Wer steckt dahinter?

Oliver Haupt
Kommt aus:Gebürtig aus Freiberg, lebt seit mehreren Jahren in Leipzig.
Politische Position:Mitte-links
Arbeitet für/als:Studiert Philosophie und Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Ist seit Oktober 2017 Redakteur bei The Buzzard.
Was Sie noch wissen sollten:Seine (wissenschaftlichen) Interessen liegen vor allem in der Politischen Philosophie, Ideengeschichte und Politischen Ökonomie. Insbesondere befasst er sich mit klassischer, als auch aktueller Kapitalismus- sowie Demokratiekritik und damit zusammenhängenden Disziplinen.
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