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Sind zerrissene Familien der Preis, den wir zahlen müssen?
Die wichtigsten Fakten auf einen Blick

Wir haben mit zwei Menschen gesprochen, deren Einstellung zum Familiennachzug von Flüchtlingen nicht unterschiedlicher sein könnte. Dabei teilen beide eine Geschichte der Migration.

Zwei Dinge sind seit diesem Freitagmorgen klar: Union und SPD sind nicht so zerstritten, wie viele zunächst dachten. Und der Großteil der syrischen Kriegsflüchtlinge, die unter subsidiärem Schutz in Deutschland leben, werden ohne ihre Familien bleiben. Maximal 1000 Menschen pro Monat sollen nachziehen dürfen. Was bedeutet eine solche Politik für die Einzelschicksale von Menschen? Zwei ganz unterschiedliche Perspektiven.

 

Teil I: Ziad

Ziads Augen sprechen eine andere Sprache als sein Lächeln.  Seine Augen wirken enttäuscht und wütend. „Es ergibt einfach keinen Sinn“, sagt er und reicht mir sein Smartphone, damit ich einen Scan von einem Brief seiner Anwältin sehen kann.

In knappen Sätzen und sachlicher Sprache steht dort, was dieser 34-jährige Mann durchgemacht hat. Ziad Al Amour kommt aus Darraa, einem Ort im Süden Syriens nahe der jordanischen Grenze. 2011, während des Arabischen Frühlings, war Ziad Teil der Protestbewegung, organisierte Demonstrationen und ging auf die Straße. Als das Assad-Regime dann den Krieg erklärte, floh er mit seiner Familie in den Nachbarort. Aber die Sicherheitskräfte fanden Al Amour, sie folterten seine Ehefrau und Kinder und zwangen ihn als Reservist in die Armee einzutreten. Durch einen Bekannten im Militär gelang es Ziad, der Armee zu entfliehen; er schaffte es mit seiner Familie über die Grenze in ein Flüchtlingscamp in Jordanien – das berüchtigte Auffanglager  in Al Mafraq, wo die hygienischen Bedingungen katastrophal sind und das Wasser knapp.

Sind zerrissene Familien der Preis, den wir zahlen müssen?

Viele Familien können sich die gefährliche Überfahrt mit Schleppern nicht leisten. Sie entscheiden sich dann getrennte Wege zu gehen. Vielleicht für immer. (Bild: Flüchtlinge bei der Überfahrt auf dem Mittelmeer. Quelle:Pixabay). 

Seit über einem Jahr wartet Ziad

Ziad machte sich von dort aus alleine über die Türkei und die Balkan-Route auf den Weg nach Europa. Die lange und ungewisse Reise wäre für die Frau und die zwei kleinen Kinder zu gefährlich gewesen. Seitdem ist die Familie getrennt. Ziad ist seit zwei Jahren in Deutschland und spricht unsere Sprache auf B1-Niveau. Das BAMF gewährt ihm keinen Asylstatus, sondern nur den Status als subsidiär Schutzberechtigter. Für Ziad bedeutet das: Er muss warten. Zurück kann er nicht, weil er als Regimefeind hingerichtet würde. Gleichzeitig weiß er nicht, wie lange er in Deutschland bleiben darf und seine Familie kann er nicht herholen. Denn der Familiennachzug für Flüchtlinge mit subsidiärem Schutz ist nicht gestattet.

„Wenn es wenigstens einheitliche Regeln gebe“, teilt Ziad auf Arabisch seinem Übersetzer mit. Dann könne er akzeptieren, dass es schwierig sei. Aber momentan seien Flüchtlinge, so schiene es, der Willkür einzelner Sachbearbeiter ausgesetzt. Manche Syrer bekommen den Asylstatus zugesprochen, andere nicht. Manchen gelingt es vor Gericht einen Härtefall durchzusetzen, anderen nicht. Wenn Leitartikler in Deutschland schreiben, dass die deutschen Behörden „sehr kulant“ seien, was Härtefälle betrifft und ohnehin nur die subsidiären Flüchtlinge auf den Familiennachzug warten müssen, klingt das zunächst irgendwie fair. Wenn man jedoch Menschen wie Ziad betrachtet, sieht man, wie unfair es  im Einzelfall sein kann, von einer solchen „Kulanz“ abhängig zu sein.

Das Gericht antwortet nicht

Ziad berichtet von Flüchtlingen aus Ländern wie Marokko, denen weder Krieg, noch politische Verfolgung drohen, und die dann aber ihre Familie nach Deutschland holen durften. Er zeigt Fotos von seiner Frau. Man sieht Nahaufnahmen von Prellungen und Wunden an Schultern, Hals und Beinen. Sie werde im Lager in Al-Mafraq, Jordanien, geschlagen. Er hat sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen. Er hat eine deutsch-syrische Anwältin, mit der er zweimal pro Woche telefoniert, und die sich seit über einem Jahr dafür einsetzt, dass der Härtefall durchgesetzt wird und die Familie zu ihm darf. Die Behörden und das Gericht haben bisher auf die Briefe nicht geantwortet.

 

Teil II: Sarah

Sarah macht eine nachdenkliche Pause am Telefon. „Natürlich weiß ich, wie hart die Einzelschicksale sind und auch wie unfair oftmals. Aber trotzdem ist das nicht ganz so einfach, wie viele denken.“

Sarah Baccar* ist 26 Jahre alt. Sie ist verheiratete Muslima mit einer kleinen Tochter, trägt Kopftuch und lebt in Nürnberg. Ihr Vater kam Ende der 1980er als Gastarbeiter aus Tunesien hierher. Via Familiennachzug holte der Vater seine Frau ebenfalls nach Deutschland, kurz darauf kam Sarah zur Welt. „Es klingt bestimmt seltsam“, sagt sie. „Ich verdanke es eigentlich dem Familiennachzug, dass ich hier aufgewachsen bin und lebe. Trotzdem denke ich, dass es richtig ist, dass der Familiennachzug gerade ausgesetzt ist.“

„Ich bin gegen den Familiennachzug, weil ich weiß, wie schwer es ist, sich in Deutschland zu integrieren“

Als Arbeiterkind aus einer Migranten-Familie sei es nicht immer einfach für sie gewesen. Sie habe sich im Gymnasium durchsetzen müssen – ohne Eltern, die ihr bei den Hausaufgaben helfen konnten, ohne Nachhilfe, ohne jemanden in der Familie, der ihr Orientierung für den Berufsweg geben konnte. Trotzdem schaffte sie die Schritte zum Abitur und Studienabschluss. Jetzt arbeitet sie im Öffentlichen Dienst.

„Ich weiß deshalb selbst, wie schwierig es ist, sich in Deutschland zu integrieren. Vor allem, wenn deine Eltern die Sprache nicht richtig sprechen“, sagt Sarah. Und genau das sei der Grund, warum sie glaubt, dass die Entscheidung der Bundesregierung, den Familiennachzug für Flüchtlinge mit subsidiärem Schutz auszusetzen richtig ist. „Damit das mit der Integration funktioniert, müssen genug genügend Sprachkurse zur Verfügung stehen; der Staat muss in der Lage sein, alle, die neu kommen, entsprechend zu empfangen“, sagt sie.

Aber genau das sei aus ihrer eigenen Beobachtung nicht der Fall. Eigentlich sollten Flüchtlinge innerhalb von sechs bis acht Wochen einen Deutschkurs besuchen können. In vielen Kommunen warteten die Geflüchteten bis zu sechs Monate, weil die Einrichtungen überlastet sind, so Sarah. Den Familiennachzug sofort für noch mehr Menschen möglich zu machen, würde das Problem nur weiter verschärfen.

Familiennachzug könnte den Fremdenhass schlimmer machen

Und dann gebe es noch die gesellschaftlichen Probleme: Die Polarisierung, die Angst vor Überfremdung, die einsetze, wenn nun noch mehr Menschen aus mehrheitlich muslimischen Ländern nach Deutschland gelassen würden. „Ich selbst bemerke oft, wie Passanten mich manchmal anschauen. Nur weil ich ein Kopftuch trage“, sagt Sarah. Diese Angst und der gesellschaftliche Druck, fürchtet sie, könne nun noch stärker werden, wenn nun der Familiennachzug wieder möglich werden würde. Deshalb sei es besser, die Kommunen, die Einrichtungen und die Menschen nicht zu überlasten. Zunächst einmal solle man versuchen, die Strukturen so zu verbessern, dass Integration tatsächlich funktioniere, dann könne man Familiennachzug wieder zulassen.

 

Nach diesem Freitagmorgen sieht es so aus, als würde es dazu erst einmal nicht mehr kommen: Bis auf weiteres bleibt der Familiennachzug für einen Großteil der Flüchtlinge in Deutschland verboten. Die Perspektiven von Ziad und Sarah zeigen, wie schwierig es ist, eine solche Entscheidung allgemein zu bewerten – ohne die Einzelschicksale zu kennen, ohne zu wissen, was ein abstraktes Wort wie Familiennachzug für die Hoffnungen, Sorgen und Ängste und die vielen Widersprüchlichkeiten bedeutet, die das Leben einzelner bestimmen.

Nachdem ich mit Ziad und Sarah gesprochen habe, kann ich beide Ansichten verstehen. Aber ich tendiere dazu Ziad Recht zu geben. Die Idee als zerrissene Familie darauf angewiesen zu sein, einen Härtefall vor Gericht durchzusetzen und mit ansehen zu müssen, wie die eigene Frau und Kinder in einem Flüchtlingsheim in Jordanien festgehalten werden, erscheint mir einfach zu grausam.

Um kurz vor 19 Uhr an diesem Freitagabend vibriert mein Handy. Ziad hat mir geschrieben. Er erwähnt das Verbot und wie ungerecht er das findet. Und dann schreibt er: „Sehr schwer. Ich kann nicht sagen mein Frau“. Er wird sie so bald nicht wieder sehen.

Wer die wichtigsten Positionen zum Familiennachzug von deutschen Bloggern und Journalisten lesen möchte, kann hier unsere neue Debatte lesen.

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*Sarahs Name wurde von der Redaktion geändert.

Wer steckt dahinter?

Dario Nassal
Kommt aus:Gebürtig Stuttgart; jetzt: Leipzig; zuvor: Amsterdam & Mannheim
Politische Position:Findet Politik in Deutschland sollte umweltfreundlicher und sozialer gestaltet sein.
Arbeitet für/als:Gründer & Geschäftsführer bei TheBuzzard.org
Was Sie noch wissen sollten:Dario ist Mitgründer von TheBuzzard.org. Er hat zuvor bei der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, der STUTTGARTER ZEITUNG und dem MANNHEIMER MORGEN geschrieben und Politikwissenschaften in Mannheim, Istanbul und Amsterdam an führenden europäischen Universitäten studiert.
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