Zurück zur Übersicht
In Kenia zahlen viele mit dem Handy – in Deutschland bald auch?
In Kenia zahlen viele mit dem Handy - in Deutschland bald auch?
(Link zum Originalbild: MPESA agent | Urheber laut Plattform: Ivan Small | Veröffentlicht auf: Flickr | Lizenz: CC BY-SA 2.0 )

Würden Kryptowährungen klassisches Geld ersetzen, gäbe es auch kein Bargeld mehr. Das kann nur funktionieren, wenn es überzeugende Alternativen zu den Scheinen und Münzen gibt. In Kenia kann man fast überall mit dem Handy bezahlen – davon können wir lernen.

Ein rotes Stück Papier fliegt vorbei an strahlenden Kindern in Schuluniform, einem lächelnden Paar am Wohnzimmertisch, an lachenden Frauen, die Bananen auf dem Kopf tragen. Diese Menschen sind glücklich, weil jemand ihnen Geld geschickt hat – soll das Video suggerieren. Es ist ein Werbeclip zum zehnjährigen Bestehen von M-Pesa, einem Dienst, mit dem man Geld von Handy zu Handy verschicken kann.

19 Millionen Menschen in Kenia nutzen den Dienst regelmäßig, also fast 40 Prozent der Bevölkerung. Man kann seine Einkäufe oder Taxifahrten bezahlen, Rechnungen begleichen oder Geld an Freunde und Verwandte schicken – das alles mit dem Handy. Damit ist in Kenia etwas möglich, das es bei uns so noch nicht gibt.

In Deutschland versuchen verschiedene Anbieter seit Jahren, Mobiles Bezahlen zu etablieren. So richtig durchgesetzt hat sich bei uns aber noch keiner der Dienste. Zwar ist es in einigen Geschäften möglich, mithilfe einer speziellen Funktechnik mit dem Handy zu bezahlen. Ohne Bargeld aus dem Haus zu gehen und sich auf das Handy zu verlassen – das funktioniert bisher aber nicht.

In unserer Debatte fragen wir von The Buzzard diese Woche, ob wir klassisches Geld noch brauchen. Werden Bitcoins und Kryptowährungen bald die herkömmlichen Nationalwährungen ersetzen? Das würde auch bedeuten, dass es dann kein Bargeld mehr gäbe. Daher ist es für diese Frage sinnvoll, den Blick auf ein Land zu richten, in dem sich bargeldloses Bezahlen schon flächendeckend durchgesetzt hat. M-Pesa in Kenia dient hier als Modell, um sich eine Alternative zu Bargeld genauer anzusehen: ein System, das Scheine und Münzen ersetzen kann.

In Kenia zahlen viele mit dem Handy - in Deutschland bald auch?
Ein Eis kaufen ohne Bargeld: In Kenia kann man einfach per Handy bezahlen. (Link zum Originalbild: An_M-Pesa_Payment_Till.JPG | Urheber laut Plattform: Raidarmax | Veröffentlicht auf: Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0) 

Handy statt Bankkonto

Für die Nutzer funktioniert das so: Um Geld zu verschicken, geben sie die Handynummer oder den Identifikationscode des Empfängers ein, den Betrag, den sie verschicken möchten und eine PIN. Eine neuere Technologie ermöglicht das Bezahlen in Geschäften auch ohne die Handynummer. Ein Sticker, den man auf das Handy kleben kann, stellt die Verbindung zu einem Gerät des Verkäufers her. Danach genügt es, die Transaktion mit der PIN zu bestätigen.

Das mobile Bezahlen hat sich in Kenia vor allem deshalb durchgesetzt, weil dort viele Menschen kein Bankkonto haben. Ein Großteil der Bevölkerung konnte also lange überhaupt kein Geld überweisen oder empfangen. Wer in der Stadt arbeitete und seiner Familie auf dem Dorf Geld schicken wollte, musste es zum Beispiel Bekannten mitgeben oder viel Geld an Western Union zahlen, ein Unternehmen, das diesen Service anbietet. Doch auch die nächste Western Union-Filiale kann weit weg sein.

Ein dichtes Banknetz in Kenia aufzubauen, wäre sehr teuer. Die meisten Menschen besitzen aber ein Handy. Daher hat ein Mobilfunkunternehmen den Service, den bei uns Banken anbieten, auf das Handy verlagert. Mit M-Pesa kann man nicht nur Geld verschicken, man kann es auch verwahren. Die Menschen müssen ihr Geld nicht unter der Matratze verstecken oder auf der Straße bei sich tragen. Da das Geld auf dem Handy durch einen Code gesichert ist, ist es deutlich besser gegen Diebstahl geschützt.

In Kenia zahlen viele mit dem Handy - in Deutschland bald auch?
Wer seinen Lohn nicht sowieso über M-Pesa geschickt bekommt, kann an mehr als 130 000 Stellen in Kenia Geld auf das Handy laden. (Link zum Originalbild: M-PESA agent in Kibera, Nairobi, Kenya | Urheberin laut Plattform: Fiona Graham / WorldRemit | Veröffentlicht auf: Flickr | Lizenz: CC BY-SA 2.0

In Deutschland gibt es immer weniger Bankfilialen

In Deutschland haben aktuell etwa 80 Prozent der Menschen ein Smartphone, während mehr als 99 Prozent ein Bankkonto haben. Mobiles Bezahlen ist bisher eine Zusatzoption – nicht die Lösung für ein großes Problem, wie in Kenia. Doch schon jetzt werden immer mehr Bankfilialen geschlossen. Für Menschen, die etwas abseits wohnen oder nicht sehr mobil sind, ist das ein Problem. Wer nicht ständig Geld abheben kann, muss entweder Bargeld zu Hause aufbewahren oder mit einer Kreditkarte zahlen. Gerade bei kleinen Beträgen ist das aber oft nicht möglich. An Marktständen, in kleinen Geschäften oder manchen Restaurants kann man überhaupt nicht mit Karte zahlen. Mobiles Bezahlen würde diese Lücke schließen.

Erst, wenn wir uns darauf einlassen, können wir die Vorteile des mobilen Bezahlens erfahren. Im Werbeclip könnte man eine strahlende Lehrerin sehen, die kein Bargeld für den nächsten Schulausflug einsammeln muss. Und einen lächelnden Rentner, der im schwankenden Bus nicht nach Kleingeld sucht, sondern sein Handy an den Ticketautomaten hält. Und zufriedene Menschen in der Kirche, die nicht an Kleingeld für den Klingelbeutel denken mussten – sie reichen ein Gerät herum und zücken ihr Smartphone. Und vielleicht spenden sie in Zukunft nicht mehr Euros, sondern Bitcoins oder eine andere Kryptowährung.

 

Was in dem Werbeclip natürlich nicht vorkäme: die Kritik am mobilen Bezahlen. Denn mit jeder Transaktion gibt der Nutzer Daten von sich preis. Mit einer Technologie wie M-Pesa könnten Supermärkte beispielsweise einsehen, welche Waren ein Kunde häufig kauft. Diese Daten könnten Unternehmen dann wiederum nutzen, um Werbung gezielt zu platzieren, wie ein Artikel in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ beschreibt.

Wen beides interessiert, die Vor- und die Nachteilen der Revolution, die durch Erfindungen wie Bitcoin möglicherweise gerade erst begonnen hat, der kann sich auf heute Abend freuen. Denn heute, am Freitag, 5. Januar, ab 19 Uhr gibt es bei uns 10 Perspektiven zur Frage: „Bitcoins & Kryptowährungen: Brauchen wir klassisches Geld bald noch?

Wir schenken Ihnen dabei vier kostenlose Perspektiven, damit Sie sich selbst von unserem Angebot überzeugen können. Dazu können Sie sich hier bei TheBuzzard.org registrieren. Wer alle Perspektiven lesen möchte, meldet sich jetzt als PRO-Leser*in an. Wir freuen uns wirklich sehr, wenn Sie unsere Arbeit unterstützen. Nur so können auch wir als Journalisten am ambitionierten Projekt THE BUZZARD weiterarbeiten. #SaveTheBuzzard

Wer steckt dahinter?

Katharina Mau
Kommt aus:München
Politische Position:interessiert sich für nachhaltigeres Wirtschaften und den ökologischen Fußabdruck
Arbeitet für/als:Freie Journalistin
Was Sie noch wissen sollten:Katharina dachte lange, sie sei zu introvertiert, um Journalistin zu werden. Inzwischen lernt sie an der Deutschen Journalistenschule und schreibt unter anderem für Jetzt.de, die dpa und Orange, das Jugendformat des Handelsblatts. Sie verzichtet auf Plastiktüten und kauft Bio-Käse, isst aber manchmal Avocados aus Chile.
Lies The Buzzard ab sofort in deinem E-Mail Postfach. Nein danke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.