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Ist der Mensch von Natur aus gierig?
Ist der Mensch von Natur aus gierig?

Bestimmt haben Sie sich in dieser Adventszeit auch schon gedacht: Heute trinke ich nur einen einzigen Glühwein. Oder: Das ist jetzt aber das letzte Plätzchen. Und? Wie oft hat es funktioniert? 

Gute Vorsätze fürs neue Jahr: Weniger Schokolade essen und weniger Alkohol trinken, ein bisschen öfter verzichten. Die ersten paar Wochen klappt das meist ganz gut, dann immer schlechter und irgendwann wirft man die Vorsätze ganz über Bord. Sind wir einfach zu gierig? Immerhin würde das Wirtschaftssystem, in dem wir leben, ohne Gier gar nicht funktionieren. Der Kapitalismus basiert darauf, dass Firmen wachsen und Menschen mehr konsumieren als sie brauchen. Wir alle leben in einem System, in dem wir uns zu einem Großteil über Dinge identifizieren, die wir kaufen: Mode, Schmuck, ein gutes Rennrad, ein schnelles Auto. Daher drängt sich die Frage auf: Sind wir Menschen überhaupt in der Lage zu verzichten?

Ist der Mensch von Natur aus gierig?

Schon vor Jahrtausenden dachten Philosophen über den Grundzustand des Menschen nach. Thomas Hobbes beispielsweise vertrat die Ansicht, der Mensch sei von Natur aus egoistisch und beherrscht von Gefühlen wie Angst und Gier. Er strebe nach seinem eigenen Vorteil, nach Erhaltung seiner Existenz und nach dem Besitz möglichst vieler materieller Güter. Nur ein Gesellschaftsvertrag könne ein friedliches Zusammenleben der Menschen ermöglichen.

Ist der Mensch von Natur aus gierig?

(Bild: Unsplash) Casinos profitieren von Menschen, die gierig sind und auf den großen Gewinn hoffen

Jean-Jacques Rousseau hingegen sah den Menschen als von Natur aus gut an. Erst das Zusammenleben mit anderen Menschen mache ihn böse und eitel. Was dieser Naturzustand des Gutseins beinhalten soll, ist umstritten – jedenfalls geht es Rousseau nicht um ein moralisches Gutsein, wie man vielleicht zunächst meinen könnte. Rousseau betont mehrmals, dass Moral nicht zu den natürlichen Merkmalen des Menschen gehört 

Genau wie die Philosophen damals beschäftigen sich auch heute Wissenschaftler mit der Natur des Menschen. Zum Beispiel mit der Frage: Ist Gier von Natur aus gegeben oder ist sie erlernt? Die Erziehungswissenschaftlerin Jana Swiderski geht davon aus, dass Maßlosigkeit anerzogen ist. „Der Mensch vermag zu lernen, sich zu mäßigen, Bedürfnisse zu begrenzen und das richtige Maß zu finden“, schreibt sie in einem Artikel für Deutschlandfunk Kultur.

Fakt ist, dass viele Menschen gierig sind, egal ob von Natur aus oder anerzogen. Es gibt weltweit unzählige Beispiele von Machthabern, die in die eigene Tasche wirtschaften, oder Firmenchefs, die Mitarbeiter ausbeuten. Doch auch im Kleinen: Werbung wäre nicht so erfolgreich, wenn Menschen nicht gierig wären und nur kaufen würden, was sie wirklich brauchen.

Gierige Menschen sind rücksichtsloser

In unserer Gesellschaft ist Gier oft negativ konnotiert. Wenig zu essen und damit schlank zu sein, gilt als Ideal. Hohe Bonuszahlungen an Manager stehen immer öfter in der Kritik. In einem TED-Talk erläutert Dr. Paul Piff verschiedene Studien, die nahelegen, dass Menschen mit zunehmendem Reichtum rücksichtsloser werden. In einem Experiment hielten zum Beispiel die Fahrer teurer Autos deutlich seltener an Zebrastreifen als Fahrer eines günstigeren Wagens.

Ist der Mensch von Natur aus gierig?

(Bild: Unsplash) Menschen, die ein teures Auto fahren, fühlen sich im Schnitt mächtiger und halten seltener an Zebrastreifen

Eine andere berühmte Studie hatte zum Ergebnis: Menschen, die sich als Kind besser zügeln konnten, waren als Erwachsene erfolgreicher in ihrem Berufs- und Familienleben. Das Experiment ist zum Beispiel in diesem Artikel bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zusammengefasst. Kinder bekamen ein Marshmallow. Wenn sie es schafften, dieses 20 Minuten lang nicht zu essen, bekamen sie nach Ablauf der Zeit ein zweites. Die Hypothese: Wer willensstark ist und sich mäßigen kann, hat bessere Chancen, ein erfolgreiches Leben zu führen.

Ein bisschen Gier tut der Gemeinschaft gut

Doch es gibt auch das Gegenargument: Gier ist gut für das Wohl der Menschen! Forscher der University of Oxford haben herausgefunden, dass gierige Menschen hilfreich für die Gesellschaft sein können. Die Studie, im Magazin „Time“ zusammengefasst, hat folgendes Ergebnis: In ungleichen Gesellschaften erreichen die Menschen, die in der Hierarchie oben stehen, mehr für die Gesellschaft als diejenigen, die unten stehen. Man denke an Bill Gates, der ein enormes Vermögen angehäuft hat und sich sehr für die Gesundheitsversorgung in Ländern des globalen Südens einsetzt.

Hätte Gates nicht so sehr nach Geld gestrebt, könnte er es heute nicht nutzen, um Gutes zu tun. Und würden wir im neuen Jahr alle aufhören, Schokolade zu essen und Wein zu trinken, würden viele Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren. Ähnlich argumentiert eine Journalistin in unserer neuen Debatte bei The Buzzard: Warum unsere Wirtschaft möglicherweise auf Konsum angewiesen ist, könnt ihr am Freitag ab 18 Uhr lesen. Denn dann gibt es 10 Perspektiven zur Frage: „Müssen wir verzichten lernen?“

Für alle, die sich gerne bei TheBuzzard.org registrieren möchten, hier entlang. Wir schenken vier kostenlose Perspektiven, damit Sie einen Eindruck von unserer Angebot bekommen. Wer alle Perspektiven lesen möchte, meldet sich jetzt als PRO-Leser an. Auch wir als Journalisten müssen von etwas leben. Wir freuen uns, wenn Sie unsere Arbeit unterstützen. #SaveTheBuzzard

Wer steckt dahinter?

Katharina Mau
Kommt aus:München
Politische Position:interessiert sich für nachhaltigeres Wirtschaften und den ökologischen Fußabdruck
Arbeitet für/als:Freie Journalistin
Was Sie noch wissen sollten:Katharina dachte lange, sie sei zu introvertiert, um Journalistin zu werden. Inzwischen lernt sie an der Deutschen Journalistenschule und schreibt unter anderem für Jetzt.de, die dpa und Orange, das Jugendformat des Handelsblatts. Sie verzichtet auf Plastiktüten und kauft Bio-Käse, isst aber manchmal Avocados aus Chile.
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