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Gefangen zwischen den Fronten: Journalistisches Arbeiten im Jemen
Wird der Krieg im Jemen bald enden?
(Foto: Ibrahem Qasim | Wikimedia Commons | CC BY-SA 4.0 )

Johanna Wild bildet Journalisten in Krisenregionen aus. Wie schwer es für Medienschaffende im Jemen ist, berichtet sie für Buzzard Daily aus eigener Erfahrung.

Medien im Jemen sind zutiefst polarisiert  

Wenn Jemeniten den Fernseher anschalten, haben sie die Wahl: Seit das Staatsfernsehen 2015 von den Huthi eingenommen wurde, wird nicht mehr nur aus der jemenitischen Hauptstadt Sanaa gesendet, sondern auch aus Saudi Arabien. Dorthin sind die ehemaligen Betreiber – Unterstützer des von den Huthis vertriebenen Präsidenten Hadi – geflohen, um einen Gegensender zu starten.

Gefangen zwischen den Fronten: Journalistisches Arbeiten im Jemen

(Foto: Almigdad Mojalli/VOA. Veröffentlicht auf Wikimedia Commons. Public Domain.) Sanaa nach einem Luftangriff im Oktober 2015.

Beide Sender beanspruchen für sich, der legitime „Staatssender“ zu sein und hetzen in ihren Programmen gegen Menschen, die andere politische oder religiöse Anschauungen haben als sie selbst. Dass Journalisten in ihren Beiträgen hasserfüllte Reden gegen „Feinde“ und „Staatsverräter“ schwingen, ist für die Jemeniten Normalität. Der Großteil der Medien wird von einer der Konfliktparteien betrieben, was dazu führt, dass die meisten Medienbeiträge reich an Emotionen, aber arm an Fakten sind.

Was das mit den Menschen macht? Sie klammern sich entweder verzweifelt an eine der verbreiteten Medien-„Wahrheiten“ oder zappen lustlos durch alle Programme und schenken keiner der dort gemachten Aussagen ihr Vertrauen. Viele von ihnen haben resigniert und sind der Ansicht, selbst nichts dazu beitragen zu können, dass der Bürgerkrieg in ihrem Land in absehbarer Zeit ein Ende findet.

Journalisten verschwinden spurlos

Aber nicht nur die Bevölkerung, auch die Journalisten leiden unter dieser stark polarisierten Medienlandschaft. Viele von ihnen sind in den vergangenen Jahren aus dem Land geflohen und wer bleibt, lebt in ständiger Sorge vor Entführungen oder Ermordungen. Etliche Journalisten haben aufgrund ihrer Arbeit bereits ihr Leben verloren. Seit August fehlt beispielsweise vom politischen Analysten Hisham Al-Omeisy (Twitter: https://twitter.com/omeisy) jede Spur. Er war zum Social Media Star-geworden, weil er mutig alle Kriegsparteien kritisierte und die Sinnhaftigkeit des Krieges in seinem Land offen anzweifelte. Laut den Reportern ohne Grenzen nimmt der Jemen in der aktuellen Rangliste der Pressefreiheit weltweit den 166. von 180 Plätzen ein.

Gefangen zwischen den Fronten: Journalistisches Arbeiten im Jemen

(Bild: Screenshot von Hisham Al-Omeisy Twitter Account). Hisham Al-Omeisy berichtete täglich aus dem Kriegsgebiet auf Twitter, ehe er im August spurlos verschwand. Sein Twitter Account findet sich unter @omeisy.

Trotzdem gibt es Journalisten, die den Mut nicht verlieren und sich für eine andere Art der Berichterstattung in ihrem Land stark machen. Als Trainerin für konfliktsensible Berichterstattung in Krisengebieten durfte ich dieses Jahr einige von ihnen kennenlernen. Ihre Identität gebe ich aus Sicherheitsgründen nicht preis, aber hier sind ein paar meiner Eindrücke aus der Zeit der Zusammenarbeit:

Eine Studie des jemenitischen Study and Economic Media Center fand Anfang 2017 heraus, dass in 80 Prozent aller jemenitischen TV- und Radiobeiträge nur eine der Konfliktparteien zu Wort kommt. Dagegen will eine Gruppe jemenitischer Journalisten vorgehen und Medienbeiträge produzieren, die die Perspektiven unterschiedlicher Konfliktparteien enthalten, die aber vor allem auch die Zivilbevölkerung verstärkt in den Fokus nehmen. Anstatt wie gewohnt vorrangig die hasserfüllten Reden von Politikern zu zitieren und damit mediale Debatten immer weiter zuzuspitzen, konzentrieren sie sich darauf, mit ganz normalen Bürgern zu sprechen, denen der Lebensalltag im Kriegsgebiet so sehr zu schaffen macht, dass sie sich nichts sehnlicher wünschen als Frieden. Die Journalisten wollen in ihren Interviews von ihnen erfahren, was sie von der Situation in ihrem Land halten, welche Sorgen sie in ihrem Alltag am stärksten belasten und welche Ideen sie für ein Ende des Konflikts haben. Bei den Zuschauern und Zuhörern kommt das gut an. Sie haben genug von der endlosen medialen Beschreibung des Kriegsverlaufs und sind interessiert an den konkreten Erfahrungen und Meinungen ihrer Mitmenschen.

 

Wir sollten uns zumindest dafür interessieren, was im Jemen passiert  

Doch die Journalisten müssen ungemein kreativ sein, um derartige Beiträge umzusetzen. Unterschiedliche Gebiete im Jemen werden von unterschiedlichen Machthabern regiert. Manchmal läuft die Trennlinie sogar mitten durch eine Stadt. Die Perspektiven von Menschen beider Seiten einzuholen, ist äußerst schwierig, da die Journalisten selbst einer der Herrschaftszonen angehören und in manche Gebiete nur schwer reisen können. Trotzdem findet sich meist eine Lösung. Ist eine Reiseroute gerade zu unsicher, wird schnell auf einen anderen Weg umdisponiert. Ist die Internetverbindung mal wieder zu schwach, um Studien und Rechercheartikel runterzuladen, wird eben schnell mit hundert Leuten eine WhatsApp-Umfrage zum jeweiligen Thema gemacht. Und ihre Interviews in der eigenen Stadt unterbrechen die Journalisten sowieso nur, wenn das eigene Viertel gerade bombardiert wird.

Gefangen zwischen den Fronten: Journalistisches Arbeiten im Jemen

(Bild: Public Domain). Straßenszene in Sanaa.

Die Arbeitsbedingungen und vor allem der Mut jemenitischer Journalisten sind für uns in Deutschland kaum vorstellbar. Die Jemeniten wissen das und erwarten gar nicht, dass wir nachvollziehen können, was sie seit Jahren durchmachen. Was sie jedoch nicht verstehen, ist die Tatsache, dass in westlichen Medien nach wie vor kaum über den Jemen berichtet wird und dass wir uns zwar für den Syrienkonflikt interessieren, nicht aber für das Schicksal ihres Landes. Die Menschen im Jemen bekommen genau mit, was in Europa und in den USA über sie geschrieben wird. Sie haben Verwandte im Ausland, mit denen sie sich darüber unterhalten und sie informieren sich über internationale Radio- und Fernsehsender sowie über die sozialen Medien. An der deutschen Berichterstattung sind sie ganz besonders interessiert, denn Deutschland genießt im Jemen ein hohes Ansehen. Das Mindeste, was wir deshalb für die jemenitische Bevölkerung und die Journalisten vor Ort tun können, ist, dass wir uns für den Krieg in ihrem Land interessieren und versuchen, dessen Hintergründe so gut wie möglich zu verstehen.

Johanna Wild finden Sie auf Twitter unter @Johanna_Wild. Wild bietet auch Seminare für Redaktionen und Journalisten*innen im Bereich Fact-Checking und Online-Verifikation an. Mehr Informationen finden Sie unter http://wafana.de/.

Bei The Buzzard beschäftigen wir uns diese Woche mit dem Krieg im Jemen. Wir haben 10 spannende Perspektiven von Journalisten und Bloggern aus dem Jemen, aus den USA, Saudi-Arabien und Europa für Sie ausgewählt, mit der Sie eine Übersicht zu der schwierigen Situation vor Ort bekommen, die in der deutschen Medienlandschaft einmalig ist. Hier entlang zur neuen Debatte >

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Die Debatte zum Jemen ist online seit Freitag, 8.12.2017. Jeder, der sich kostenlos per E-Mail anmeldet, kann 4 Perspektiven gratis probelesen.

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Wer steckt dahinter?

Johanna Wild
Kommt aus:München, hat u.a. mehrere Jahre in Ruwanda gelebt
Politische Position:offiziell unparteiisch
Arbeitet für/als:Johanna Wild (1984) arbeitete jahrelang als Journalistin und Medienberaterin in Ostafrika. Mittlerweile hat sie die Agentur "Wafana" gegründet, mit der sie Fact-Checking und Online-Verifikations-Seminare für Journalisten und Redaktionen auch in Deutschland anbietet.
Was Sie noch wissen sollten:Ursprünglich aus dem Print- und Radiobereich, wählte Wild in ihrem Studium beim britischen Online-Journalisten Paul Bradshaw Online-Verifikation als Schwerpunkt. Wer ihr folgen möchte: @Johanna_Wild
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