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Lebensmittelsanktionen? Russlands Käseregale sind voll
Lebensmittelsanktionen? Russlands Käseregale sind voll
Käse gibt es genug - vor allem russischen.

Russland und die russische Sprache interessieren mich schon seit vielen Jahren. Deshalb ist das Thema der Woche: Russland-Sanktionen ganz besonders spannend für mich. Eine meiner Russischlehrerinnen hat vergangenen Sommer immer mal wieder von ihrer Heimat St. Petersburg erzählt und irgendwann auch, dass sie jedem, der jetzt nach Russland fahre, nur empfehlen könne, eines als Mitbringsel einzupacken: Käse. Am besten guten, italienischen oder französischen Käse. Der sei kaum mehr zu kriegen, sagte sie. Der Grund sind die Sanktionen. Die guten Marken gebe es nicht mehr zu kaufen. Statt der Qualitätsware aus der EU liege schlechter russischer Käse in den Auslagen der Supermärkte, kritisierte sie.

Tatsächlich ist Käse ein Produkt, dass Russland nicht mehr aus der EU importiert. Nach der Krim-Annexion 2014 belegte die EU Unternehmen und ausgewählte, politisch einflussreiche Russen mit Sanktionen. Kurz darauf reagierte Präsident Wladimir Putin mit Gegensanktionen und verbot den Import von Lebensmitteln aus der EU. In der Folge kam man in Russland immer schwerer an internationalen Käse heran. Zwar gab es zu Beginn noch Lebensmittelschmuggel, teils wurden an der Grenze zu Russland EU-Lebensmittel einfach umetikettiert. Bei der Einfuhr wurden diese geschmuggelten Lebensmittel dann aber medienwirksam vernichtet.

Es gibt Käse, sehr viel sogar – nur eben keinen aus der EU

Mittlerweile hat Russland einen Weg gefunden das Importproblem mit dem Käse anderweitig zu lösen: Eigenproduktion. Und das scheint erstaunlich gut zu funktionieren. Die Käse-Regale in Russland sind voll. Egal, ob in Moskau oder Irkutsk, Kunden können eine große Auswahl verschiedener Sorten kaufen – vor allem russischen Käse. Dieser Wirtschaftszweig erlebt seit Beginn der Sanktionen sogar einen regelrechten Boom.

Allerdings, meint meine Russischlehrerin, sei der heimisch produzierte Käse immer noch nicht so gut wie das Original. Das Problem ist: Russland produziert nicht so viel Milch, als dass das Land mit der Käseproduktion einfach so aufholen könnte. Also helfen sich Lebensmittelhersteller: Sie mischen pflanzliche Öle statt Milchprodukte bei oder strecken den Käse mit Wasser. Freunde von mir, die in Russland leben, berichten, man könne zig Sorten Käse kaufen, die Qualität sei aber nicht besonders und außerdem sei er zu teuer. Eine Freundin hat dieses Foto am 22. November in Moskau aufgenommen: Im Extremfall kostet Käse umgerechnet knapp 60 Euro (3990 Rubel) pro Kilo. Es gibt aber auch weitaus günstigeren.

Lebensmittelsanktionen? Russlands Käseregale sind voll
In Extremfällen kostet Käse knapp 60 Euro pro Kilo. Das Foto wurde am 22.11.17 in Moskau aufgenommen.

Was spricht für Sanktionen? Und was dagegen?

Das ist nur ein Beispiel von Sanktionen. Werden die Konten von Oligarchen eingefroren, bekommen die Menschen im Alltag nichts davon mit. Handelt es sich um Importprodukte hingegen schon.

Um das Thema Russland-Sanktionen wirklich in der Tiefe zu verstehen, haben wir diese Woche eine umfangreiche Meinungsübersicht erstellt. Dieses Mal erwarten euch vier Contra- und vier Pro-Argumente zu der Frage, ob Sanktionen nun tatsächlich sinnvoll sind. Außerdem könnt ihr euch auf zwei spannende Hintergrund-Artikel zum Thema Sanktionen freuen.

Ein Autor, den wir zitieren, ist der Spiegel-Journalist und Russlandexperte Benjamin Bidder. Er beschreibt in seinem Meinungsartikel eine besonders interessante Beobachtung, die in der deutschen Medienlandschaft sonst wenig erwähnt wird: Fühlen sich russische Bürger durch die Politik des Auslands bedroht, neigen sie dazu, sich hinter Putin zu versammeln, statt seine Politik zu hinterfragen und sich von ihm abzuwenden. Das hat sogar bereits ein russischer Soziologe untersucht und einen eigenen Namen dafür gefunden: „Defensiver Patriotismus.“ Das ist aber nur ein Teilaspekt unserer Debatte. Seid gespannt auf Stimmen aus der Ukraine, den USA und natürlich Russland. Schaut rein: Für alle PRO-Nutzer wie immer ab jetzt – ab dem Wochenende – auf The Buzzard.org verfügbar.

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