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Ist der Katalonien-Konflikt nun in Europas Hauptstadt angekommen?
Ist der Katalonien-Konflikt nun in Europas Hauptstadt angekommen?

Zumindest der abgesetzte katalanische Präsident Carles Puigdemont ist jetzt in Brüssel. Ausgerechnet in Brüssel, der Hauptstadt. Dazu noch willkommen geheißen vom belgischen Einwanderungsminister Theo Francken, der ihm umgehend riet, in Belgien Asyl zu erbitten. Die Ironie: Theo Francken ist ein Flame, Angehöriger einer Volksgruppe, die in der Vergangenheit ebenfalls mit Forderungen nach mehr Autonomie von sich reden gemacht hat. 

Lange hat sich die politische Spitze der EU aus dem Katalonien-Konflikt herausgehalten, oder besser gesagt heraushalten können. Viele politische Beobachter haben Brüssel immer wieder diese neutrale Haltung angekreidet. Doch Madrid wollte keine Einmischung von außen. Schließlich hat man auch alles getan, um der Welt zu zeigen, dass man Herr der Lage in Barcelona ist – und sei es durch Einsatz von Tränengas und Schlagstöcken am Tag des Referendums.

Nun sitzt Carles Puigdemont in Brüssel, Asyl hat er nicht beantragt. Und er hofft, dass der Haftbefehl, den Madrid ihm androht, nicht vollstreckt werden muss.

Ganz unabhängig davon kann man aber annehmen, dass Puigdemont – von wo auch immer – die Katalonien-Autonomie noch eine Weile am Köcheln halten wird. Denn das, was die Katalanen – und sei es nur eine Minderheit – weiterhin wollen, nämlich wahr- und ernstgenommen zu werden mit ihrer besonderen Kultur, das wird man weder in Brüssel noch in den Regionen Europas so einfach von Tisch wischen können. Dafür gibt es in Europa zu viele Regionen, in denen die Vision von einem besonderen Platz in der europäischen Völkergemeinschaft von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Viele Visionen – aber werden die Menschen mitgenommen?

Visionen für mehr europäische Gemeinsamkeiten gab es in letzter Zeit viele zu hören. Etwa von Jean-Claude Juncker, der den Euro für alle Länder der EU will, oder von Emmanuel Macron, der mehr Vertiefung bei Verteidigung und Steuerpolitik will.

Ist der Katalonien-Konflikt nun in Europas Hauptstadt angekommen?

Auf der einen Seite melden sich gerade viele Staatsmänner zu Wort. Sie wollen Europa vorantreiben und einen wirtschaftlich wie militärisch starken Kontinent in einer immer unruhiger und unübersichtlicher werdenden Welt schaffen. Auf der anderen Seite sind da Regionalgemeinschaften wie die der Katalanen aber auch der Schotten und der Flamen, die eifersüchtig darüber wachen, dass das, was sie als Region mit ihrer Kultur geschaffen haben, in der Gemeinschaft der Völker nicht verloren geht.

Der österreichische Schriftsteller und Träger des Deutschen Buchpreises 2017 Robert Menasse meint, dass diese Regionen nicht im Widerspruch zu Europa stünden, sondern ganz im Gegenteil: In diesen Regionen könnte der Schlüssel für Europa liegen. Denn die Nation – und dazu zählt er auch die Europäische Union – die ist für Menasse nur eine Fiktion, eine Erzählung.

Krise als Chancen für eine neue europäische Perspektiven

Deshalb bietet unsere Recherche zur Katalonien-Krise eine ganz neue europäische Perspektive. Eine, die weit über den Konflikt in Katalonien hinausgeht. Im Kern handelt es sich um die Frage, wie sich die EU in Zukunft entwickeln soll? Brauchen wir mehr regionale Autonomie, mehr Nationalstaaten oder mehr Zentralisierung? Wie können Wohlstand und Mitbestimmung in der EU sichergestellt werden?

Die Politikwissenschaftlerin und Publizistin Ulrike Beate Guérot hat diesen Gedanken von Menasse weiterentwickelt. Sie sieht die Katalonien-Krise als Chance die Europäische Union ganz neu zu definieren. Der Nationalstaat, davon ist sie überzeugt, kann nicht der einzig mögliche konstutionelle Träger einer europäischen Einheit sein.

Ist der Katalonien-Konflikt nun in Europas Hauptstadt angekommen?

Der Gedanke ist faszinierend: Ein Europa, zusammengesetzt aus 50 bis 60 Regionen, die durch eine weitgehende Autonomie aufgewertet sind.

Der schöne Nebeneffekt für Guérot: Damit könnte die heute immer wieder beklagte Übermacht der großen Nationalstaaten überwunden werden. Und das Resultat: Mehr Gleichheit und damit mehr Brüderlichkeit in Europa.

Wollten die Gründungsväter und -mütter ein Europa der Kleinteiligkeit?

Das sieht Historiker und Publizist Gustav Seibt ganz anders. Ein Europa der Regionen ist für ihn die pessimistischste aller Europa-Visionen. Seibt zitiert den großen liberalen Europapolitiker und Soziologen Ralf Dahrendorf (1929-2009) der schon früh vor einem Europa der Kleinteiligkeit gewarnt hat.

Je kleiner und homogener eine Einheit, desto mehr wächst die Gefahr der Intoleranz.

Ist der Katalonien-Konflikt nun in Europas Hauptstadt angekommen?

Ein Europa mit aufgewerteten Regionen, in denen die Menschen nur ihresgleichen akzeptierten – das sei der falsche Weg, schrieb Dahrendorf. Der heterogene Nationalstaat sei die größte Errungenschaft der politischen Zivilisation.

Das also ist der doch sehr weitreichende Hintergrund, vor dem die Frage nach katalanischer Unabhängigkeit bewertet werden muss. Die Frage, ob das politische Anliegen der Katalanen insgesamt nun also berechtigt ist, bleibt daher nach wie vor hochaktuell.

Wer die wichtigsten Pro- und Contra-Argumente aus dem Netz zur Krise in Katalonien lesen möchte: Ab Freitag erscheint unsere ausführliche Debatte mit den spannendsten Stimmen von Politikern, Bloggern und Wissenschaftlern aus Europa für alle The Buzzard-PRO-Leser.

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Wer steckt dahinter?

Georg Scheller
Kommt aus:Aufgewachsen im Saarland, lebt seit 47 Jahren in Bayern
Arbeitet für/als:Redakteur bei TheBuzzard
Was Sie noch wissen sollten:Hat 32 Jahre beim Bayerischen Rundfunk gearbeitet. Zunächst als Reporter für Tagesschau, Tagesthemen und die TV-Nachrichten für Bayern, dann als Nachrichten-Redakteur. Zuletzt Leiter des Programm-Qualitätsmanagements des Bayerischen Fernsehens
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