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Raus aus der Kohle? Ein ehemaliger Kumpel gibt Einblicke in seine Arbeit und Meinung zum Kohleausstieg
Raus aus der Kohle? Ein ehemaliger Kumpel gibt Einblicke in seine Arbeit und Meinung zum Kohleausstieg

Einer von Matthias Schmidts* früheren Arbeitsplätzen ist heute mit Beton verfüllt. Etwa 1200 Meter unter der Erde arbeitete der Schlosser und staatlich geprüfte Techniker. Er war 33 Jahre lang im Abbau von Steinkohle beschäftigt. Sein Einsatzgebiet: Erst die Zeche Osterfeld in Oberhausen, sie wurde 1992 stillgelegt, später die Zeche Prosper Haniel in Bottrop. Sie steht kurz vor der Schließung. Ob inaktiv oder aktiv, Steinkohlebergwerke stehen auch heute noch sinnbildlich für das Ruhrgebiet wie kein anderer Industriezweig. Er hat ganze Generationen geprägt, Familien ernährt. In der ganzen Region verteilt stehen stillgelegte Fördertürme, die an die einst prosperierende Wirtschaft erinnern.

An einem normalen Arbeitstag in Osterfeld arbeitete Schmidt acht Stunden unter Tage. “Bei warmer Umgebungstemperatur kürzer, nur sieben“, sagt der heute 58-jährige Oberhausener. „Warm“, das konnten 28 Grad sein, aber auch mal 60 Grad. Die Arbeitskleidung: Helm, Grubenlampe, Schutzanzug, Handschuhe, Schienbeinschoner, Schuhe mit Stahlkappe und verstärkter Sohle. Der Betrieb stellte zudem Unterwäsche und Socken. „Da trägst du schon einige Kilos mit dir rum”, sagt Schmidt. Er ist kräftig gebaut, ein Mann, der händische und körperliche Arbeit liebt. Mitzutragen war außerdem der CO-Rettungsfilter. „Wenn ein Grubenbrand ausbricht, filtert er das Kohlenmonoxid aus der Luft, die die Bergleute damit einatmen. Glücklicherweise musste ich ihn nur einmal im Leben benutzen.“

“Unter Tage musst du mit dem Dreck und der Hitze klarkommen.”

1976 hatte Schmidt in der Zeche angefangen, mit etwa 400 Gleichaltrigen begann er eine Bergwerkslehre. Es wurden zum Beispiel Schlosser und Elektriker ausgebildet. Schmidt lernte Schlosser in der Dreherei, Klempnerei und Grundzüge der Elektrik. „Dann wurde man einem Revier zugeteilt und einen Tag nach der Lehre ging es runter, unter Tage“, sagt er, „da hast du dann im Prinzip die nächste Ausbildung bekommen.“ Unter Tage lernte er das Tunnelsystem der Zeche kennen, die viel größeren Maschinen. Er musste sich daran gewöhnen, stundenlang kein Tageslicht zu sehen. „Du musst da unten auch erst einmal mit dem Dreck und der Hitze klarkommen“, sagt er. Die Zeche Osterfeld blieb 16 Jahre lang sein Arbeitsplatz.

Die Wege unter Tage waren gut ausgebaut, bis zu 170 Kilometer lang ist das Streckennetz in einem Bergwerk, mehrere hundert Beschäftigte hielten sich gleichzeitig in den Gängen auf mehreren Etagen auf. Die Tunnelwände wurden verstärkt, um ein Verschütten zu verhindern, jeden Tag arbeiteten sich die schweren Maschinen meterweise durch die steinernen Gänge, auf Schienen und Gummibändern wurde das Gestein abtransportiert.

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Es gab einen Schacht allein für die Abluft, einen für die Zufuhr von Frischluft. Schmidt war lange für Leitungen und Maschinen zuständig. Versagte eine Maschine musste es schnell gehen, die Kohleförderung sollte nicht ins Stocken geraten. „Wenn die Reparaturen länger gedauert haben, war das für die Schlosser schon eine große Belastung, aber dafür gab es auch Überstundenprozente”, sagt Schmidt, “so eine Zeche konnte bis zu 50.000 Tonnen Gesamtförderung schaffen, also Kohle und den nicht verwertbaren Anteil der Steine, da hat man Verschleiß ohne Ende.”

Starke Konkurrenz auf dem Weltmarkt

1992 war Schluss in Osterfelde. Der Absatz war eingebrochen, weil die Konkurrenz auf dem Weltmarkt zu groß und die Produktionskosten in Deutschland zu hoch geworden waren. „Das war aber absehbar“, sagt Schmidt. Daher konnten die Mitarbeiter auf die gut ein Dutzend umliegenden Bergwerke verteilt werden – für die Arbeit unter Tage, über Tage, an den Maschinen zur Weiterverarbeitung, zum Weitertransport, in der Verwaltung. „Trotzdem, da wird man schon wehmütig“, sagt Schmidt, „deine Kameraden kanntest du ja fast besser als deine Familie. Sie wurden zwar möglichst wohnortnah verteilt, nach Duisburg oder Dinslaken, „aber es wurden auch drei Leute hierhin, drei Leute dahin verteilt. Da wurde man schon auseinandergerissen“.

Der damals 33-jährige Schmidt kam zur Zeche Prosper Haniel nach Bottrop. Noch in Oberhausen-Osterfeld hatte er von 1982 bis 1984 die Bergfachschule besucht, war so staatlich geprüfter Techniker geworden und von der Arbeiter- in die Angestelltenebene aufgestiegen. Später machte er Fortbildungen und wurde Reviersteiger. In dieser Funktion arbeitete er in der Zeche Prosper Haniel. Das hieß: Mehr Verantwortung für die Kollegen, regelmäßig „anfahren“, also unter Tage sicherstellen, dass im zugeordneten Teil des Bergwerks vorschriftsgemäß gearbeitet wird. Je nach Projekt, das er bearbeitete, hatte er zwischen 35 und 235 Mitarbeitern unter sich. „Die Bergbaubehörde kontrollierte regelmäßig, und sie kasperten nicht mit dir rum. Wären Sicherheitsvorgaben nicht eingehalten worden, hätten sie Geldstrafe oder einen Arbeitsstopp verhängt.”

Keine kohleverschmierte Kleidung, kein Hautausschlag mehr

Laut Gesetz dürfen Bergleute mit 50 Jahren in Vorruhestand gehen, wenn sie 25 Jahre im Bergbau gearbeitet haben. „Die hatte ich 2009 satt voll“, sagt Matthias Schmidt, da hatte er 17 Jahre auf Prosper Haniel gearbeitet. Das bedeutete auch: Keine kohleverschmierte Kleidung mehr, kein Hautausschlag vom aggressiven Waschmittel. Den Kontakt zu den Kameraden hält er bis heute, man trifft sich regelmäßig. Außerdem hat er eine ganze Datensammlung zum Thema Steinkohleabbau angelegt, darin zig Fotos als digitale Erinnerung.

Raus aus der Kohle? Ein ehemaliger Kumpel gibt Einblicke in seine Arbeit und Meinung zum Kohleausstieg

Prosper Haniel ist noch in Betrieb. 2018 soll auch diese Zeche schließen. Ein Unding, findet Matthias Schmidt. Er hält den Kohleausstieg für übereilt und „den größten Blödsinn“, denn: „Wir machen uns erpressbar“, findet er. „Deutschland hat an Rohstoffen nichts groß zu bieten. Wir haben kein Öl, kein Gas, aber Kohle.” Dass die Verarbeitung von Steinkohle erheblich viel CO2 freisetzt, bestreitet er gar nicht, er sieht aber politische Risiken: Russland etwa, als wichtiger Energielieferant für Deutschland, könne hierdurch Druck ausüben. “Und, unsere Bergbautechnologie in der Steinkohle ist weltweit führend.“ Diese nun aufzugeben sei leichtsinnig. Noch habe das Land die Fachleute, das technische Wissen. „Aber wenn wir so weitermachen, nicht mehr ausbilden, stirbt das alles weg.“ Zudem sei es doch paradox, keine Kohle mehr selbst zu produzieren, sondern zu importieren, zumal die Importkohle qualitativ oft schlechter sei und die Arbeitsbedingungen in vielen anderen Ländern nicht so gut wie in Deutschland.

Know-how erhalten, ein Referenzbergwerk weiter betreiben

„Ein Pütt der zu ist, ist zu“, sagt Schmidt. Will heißen: Ein Bergwerk kann nicht eine Zeit lang still stehen und dann wieder aktiviert werden. Man müsse täglich ein paar Meter machen und das Bergwerk bewegen, sagt er. Sinnvoll sei aus seiner Sicht nicht ein kompletter Kohleausstieg, sondern, Know-How und Kohle als Ersatz-Energieträger zu erhalten: „Warum halten wir nicht ein Referenzbergwerk offen“, fragt er, „mit etwa 4000 Beschäftigten, die 10.000 bis 15.000 Tonnen verwertbare Kohle liefern? Das würde ganz grob eine Milliarde Euro im Jahr kosten.“

*Name von der Redaktion geändert

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