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Buzzard-Büchertipp: Sind die Konservativen in der Defensive?
Buzzard-Büchertipp: Sind die Konservativen in der Defensive?

Auf unserer Spurensuche nach dem Konservativen in diesem Land sind wir auf ein gerade erschienenes Buch gestoßen mit einer ganz neuen soziologischen Sichtweise auf die bisherige Klasseneinteilung der Gesellschaft. Rechtspopulisten und konservative Politik werden demnach stärker, weil sich die alte Mittelklasse gegen das Erstarken einer neuen Generation aus „Kultur-Kapitalisten“ wehre.

Gängige Ansicht war und ist ja, dass es drei Schichten gibt: Die Ober-, die Mittel- und die Unterschicht. Aber diese Einteilung in drei Schichten könne in der Form nicht mehr vorgenommen werden – das schreibt jedenfalls der an der Europa-Universität in Frankfurt/Oder forschende Wissenschaftler Andreas Reckwirtz in seinem neuen Buch:

„Die Gesellschaft der Singularitäten“ (erschienen am 9. Oktober bei Suhrkamp)

Buzzard-Büchertipp: Sind die Konservativen in der Defensive?

Professor Reckwitz spricht von einer „Neuen Mittelklasse“. Das Kennzeichen dieser „Neuen Mittelklasse“ sei ein hoher Selbstverwirklichungsanspruch, der natürlich finanziell gut unterfüttert sein muss.

Die neue Mittelschicht ist entstanden aufgrund einer beispiellosen Bildungsexpansion. Waren es in den fünfziger Jahren gerade mal fünf Prozent der Bevölkerung, die einen universitären Abschluss hatten, stellen heute die Akademiker immerhin ein Drittel der Bevölkerung.

Diese große neue Gruppe forciert einen Wertewandel, der weg geht von Normen und Pflichten, hin zu Selbstentfaltung und Liberalisierung. Es geht nicht mehr um das Erreichen und Erhalten eines Lebensstandards wie bei der alten Mittelklasse, es geht vielmehr um Lebensqualität, um das sprichwörtliche „gute Leben“.

Buzzard-Büchertipp: Sind die Konservativen in der Defensive?

Die neue urbane Elite versteht sich als weltoffen und liberal.

Klassische Industriegüter verlieren an Bedeutung, kulturelle Güter treten in den Vordergrund – Professor Reckwitz nennt dieses Konsumverhalten „Kultur-Kapitalismus“.

Entscheidende Kriterien für die Menschen dieser Klasse sind die Einzigartigkeit, der Erlebniswert und der Symbolwert des Konsums. Für die „Kultur-Kapitalisten“ zählen Medien, Design, Musik, Sport und Tourismus zu den zentralen Stichworten. Nicht mehr die materiellen Dinge allein sind wichtig, sondern vielmehr die Dienstleistungen und Ereignisse, die das Leben quasi zu einem permanenten Event machen. Eine hoch anspruchsvolle Haltung gegenüber dem Leben, das ist es, was im Wesentlichen die neue von der „klassischen“ Mittelschicht unterscheidet. Und die neue Mittelklasse setzt ganz selbstverständlich ihre Werte durch: Rauchverbot, gesundes Essen, Fitness etc.

Alte Mittelklasse wehrt sich

Demnach sei es kein Wunder, dass die alte Mittelklasse zunehmend in eine Defensivposition gerate. Und wer in der Defensive ist, der wehrt sich – für Professor Reckwitz ist der Rechtspopulismus deshalb eine probate Form der kulturellen Defensive der alten Mittelklasse. Dass jetzt Rechtspopulisten und konservative Politik stärker werden, sei darauf zurückzuführen, dass sich die alte Mittelklasse gegen das Erstarken der Neuen Mittelklasse wehre.

„Die Gesellschaft der Singularitäten“ ist ein sehr gut zu lesendes und spannendes Buch. Bei der Lektüre hat man immer wieder das Gefühl, endlich zu verstehen, warum z.B. das Wählerverhalten in den großen, wohlhabenden und kulturell schillernden Ballungszentren so ganz anders ist. Anders als dort, wo der neue Selbstverwirklichungsanspruch nicht so nachgefragt werden kann – sei es aus materiellen Gründen oder sei es aus Mangel an Angeboten. Und wo dann auch konservativer oder gar rechtspopulistischer gewählt wird.

Buzzard-Büchertipp: Sind die Konservativen in der Defensive?

Hier findet sich der Link zum Originalbuch>

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Wer steckt dahinter?

Georg Scheller
Kommt aus:Aufgewachsen im Saarland, lebt seit 47 Jahren in Bayern
Arbeitet für/als:Redakteur bei TheBuzzard
Was Sie noch wissen sollten:Hat 32 Jahre beim Bayerischen Rundfunk gearbeitet. Zunächst als Reporter für Tagesschau, Tagesthemen und die TV-Nachrichten für Bayern, dann als Nachrichten-Redakteur. Zuletzt Leiter des Programm-Qualitätsmanagements des Bayerischen Fernsehens
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