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Was bedeutet „konservativ“ wirklich?
Was bedeutet „konservativ“ wirklich?

Die Reise, auf die wir uns mit The Buzzard diese Woche begeben haben, ist für mich persönlich ganz besonders spannend. Wir verfolgen diese Woche die Frage: Ist konservative Politik wirklich so attraktiv wie nie? „Ist konservativ sexy“, wie die CSU im neuen 10-Punkte-Plan schreibt? Die CDU verliert Stammwähler an die AfD, gleichzeitig rutscht Deutschland politisch nach rechts. Was genau bedeutet das für das „Konservative“ in diesem Land?

„Konservativ?“ Da ploppen in vielen Köpfen zunächst einmal jede Menge Klischees auf: Studenten sehen vor ihrem geistigen Auge die konservativen Kommilitonen vor sich, die – logisch – BWL studieren. Andere denken an ihre Eltern und Großeltern, die allem Neuen immer sehr reserviert gegenüber standen, und denen Menschen aus meiner Generation, also die alten 68er so einen richtig schönen Schrecken eingejagt haben.

Was bedeutet „konservativ“ wirklich?

Macht er noch wirklich konservative Politik?

Und da kommt mir persönlich auch gleich das Bundesland in den Sinn, in das ich vor 47 Jahren eingewandert bin. Von da, wo ich herkomme, gesehen, liegt es in Deutschland ziemlich weit unten, ist aber in vielem, das muss man anerkennen, ganz weit oben. Bayern.

Konservativ – da denke ich an die Politik dieses Landes (Freistaat !), mit der ich mich fast mein ganzes Berufsleben als politischer Journalist beschäftigt habe.

Was bedeutet „konservativ“ wirklich?

Ist das hier etwa konservativ? 

Ganz klar, da denke ich an eine sehr präsente Partei, die sich immer schon (oder jetzt erst recht?) als Hüterin des Konservativen in der Union sieht, und die sich Merkels stetiger Ent-Konservatisierung der Union mal mit mehr, oft aber mit wenig Verve widersetzt hat.

Und dann ist da dieser – man könnte sagen – beneidenswerte politische Spagat, den die CSU seit einer gefühlten Ewigkeit vollbringt: die Tradition mit dem Fortschritt zu verbinden, den Laptop mit der Lederhose. Und natürlich das Sahnehäubchen, die sprichwörtliche „Liberalitas Bavariae“.

Konservativ und liberal – geht das so einfach zusammen? Das Traditionelle bewahren und den Fortschritt beflügeln, kann das (weiter so) funktionieren? Für mich persönlich also eine ganz besonders spannende Frage.

Was bedeutet „konservativ“ wirklich?

Und das hier? Ist das so richtig konservativ? Dieser Spießer-Pulli und der langweilige Tee?

 

Erst mal die Klischees beiseite legen und die Gedanken ordnen:

Bevor wir mit der Recherche losgelegt haben, war es für mich persönlich erst einmal sehr wichtig, die eigenen Gedanken zu ordnen und die ganzen Klischees von reaktionären Konservativen beiseite zu legen.

Was bedeutet es nun also konservativ zu sein? Für was steht das – „konservativ“?

Zunächst einmal ist konservativ eine Haltung. Eine zurückhaltende Einstellung einer Welt gegenüber, die sich immer schneller wandelt. Konservativ ist etwas, zu dem man sich bekennt, etwas an dem man sich orientieren kann. Etwas, das sich für das Beschützen von Altbewährtem einsetzt. Aber so ganz klar, habe ich direkt zu Beginn bemerkt, kann man das gar nicht sagen. Können zumindest auch nicht Konservative selbst. Was gehört zum Konservativen und was nicht? Wo hört das Konservativ-Sein auf, wo fängt es an?

Vielleicht, dachte ich mir dann, lässt sich konservativ über sein Gegenstück definieren. Was aber ist das Gegenteil von „konservativ“? „Liberal“? – „Fortschrittlich“ kann es ja nicht sein, denn fortschrittlich ist man in der Union schon immer gewesen, und in Bayern ganz besonders. „Liberal“ also? Aber wie lässt sich dann „liberal“ eigentlich wirklich unvoreingenommen definieren? Auch hier keine definitiven Antworten. Gleich zu Beginn dieser Reise ist mir also aufgefallen, dass wir es mit einem politischen Diskurs zu tun haben, in dem viele Worte verwendet werden, die ganz unterschiedlich ausgelegt werden. Ein schwieriges Feld also. Aber eben auch gerade deshalb eine wichtige und spannende Debatte.

Und wie wird man nun zum Konservativen?

Das war die nächste Frage, die mich persönlich umgetrieben hat. Vielleicht gibt es keine einheitliche Definition dessen, was konservativ nun wirklich ist. Aber mit Sicherheit gibt es einen Kanon an Werten und politischen Grundeinstellungen, die man guten Gewissens als „konservativ“ bezeichnen kann. Stellt sich natürlich die Frage: Wie entsteht eine solche konservative Grundeinstellung? Gibt es so etwas wie eine genetische Disposition, die einen Menschen, ob er will oder nicht, zum Konservativen oder zum Liberalen werden lässt? Weil er skeptischer dem Wandel gegenüber ist als andere? Weil ein Mensch vorsichtiger ins Leben schaut, oder bedachter? Könnte es hierfür eine Veranlagung geben? Gegen die man ebenso machtlos ist wie gegen die Vererbung der Glatze vom Großvater mütterlicherseits.

Was bedeutet „konservativ“ wirklich?

 

Ist das Konservative im Gehirn verortet?

Nun, es gibt zwar keine genetisch-politische Disposition, wohl aber – und das ist eines der überraschendsten Ergebnisse meiner persönlichen Recherche – haben die politischen Grund-Einstellungen eines Menschen etwas mit seiner emotionalen Grund-Disposition zu tun. Das haben US-Forscher herausgefunden und kommen zu dem bündigen Schluss  „Liberale sehen Schönes, Konservative das Bedrohliche“.

Es gibt also wohl eine emotionale Grund-Disposition, die bedingt, dass man entweder die Bedrohung, das Angsterfüllende oder das Schöne, das Optimistische sieht. Und mit dieser emotionalen Grundeinstellung korrelieren wohl auch politische Einstellungen wie „konservativ“ oder „liberal“. Die Studie wurde in der Welt zusammengefasst, sehr interessant.

Wo in der Gesellschaft sind die Konservativen heute?

Nächste Frage, die wir uns in der Redaktion gestellt haben: Wer gehört in Deutschland zu den konservativen Wählerschichten? Bei der Suche nach Antworten stießen wir beiläufig auf die recht überraschende Tatsache, dass junge und gebildete Migranten sich offenbar zur – wie sie es nennen – „neuen konservativen Elite“ zählen. Hierzu kann ich einen spannenden Artikel einer Berliner Studentin mit polnischen Wurzeln auf Zeit Online empfehlen. Der Artikel macht es nachvollziehbar, wie viele junge Aufsteiger mit Migrationshintergrund politisch eingestellt sind.

Das sind nur zwei kleine Lichtblicke in einem Wald voller Artikel, Beiträge und Definitionen. Je länger wir uns in der Redaktion mit dem Thema „Konservativ“ beschäftigten, desto klarer wird uns, wie wichtig es ist, den politischen Schlagworten, die ja gerade Hochkonjunktur haben, einen journalistischen Mehrwert entgegenzusetzen. Worthülsen mit den realen Perspektiven von Menschen anzureichern und Definitionen wirklich auf den Grund zu gehen.

Politisch seien die Zeiten so spannend, wie seit Jahren nicht mehr, heißt es immer wieder.

Wir freuen uns, ganz nah dran sein zu können und sehen es als unsere Aufgabe, eine Perspektive einzunehmen, von der aus unsere Leser das politische Geschehen hoffentlich besser überblicken können – wir nennen sie die TheBuzzard-Perspektive. In der neuen Meinungsübersicht, die morgen, am Freitag, 20. Oktober, auf The Buzzard erscheint, zeigen wir die spannendsten Beiträge aus Deutschland zu der Frage: Was heißt es eigentlich konservativ zu sein? Und ist konservative Politik wirklich so attraktiv wie nie? Ist konservativ wirklich sexy?

Jede und jeder, die diese Debatte lesen und unsere Arbeit unterstützen möchten, hier entlang >

 

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Wer steckt dahinter?

Georg Scheller
Kommt aus:Aufgewachsen im Saarland, lebt seit 47 Jahren in Bayern
Arbeitet für/als:Redakteur bei TheBuzzard
Was Sie noch wissen sollten:Hat 32 Jahre beim Bayerischen Rundfunk gearbeitet. Zunächst als Reporter für Tagesschau, Tagesthemen und die TV-Nachrichten für Bayern, dann als Nachrichten-Redakteur. Zuletzt Leiter des Programm-Qualitätsmanagements des Bayerischen Fernsehens
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