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Türkei-Serie Teil II: Was das Flüchtlingsabkommen wirklich bedeutet, wird verschwiegen
Türkei-Serie Teil I: Das kommt in der deutschen Berichterstattung zur Türkei zu kurz

Als das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei geschlossen wurde, äußerten sich nicht nur die deutsche Regierung, sondern auch viele EU-Politiker aus anderen Ländern positiv über die Initiative. Aber was im Detail an der türkischen Grenze am Mittelmeer passiert, darüber ist es ziemlich schwer, verlässliche Informationen zu bekommen, selbst wenn man fleißig Zeitung liest.

Kurz gefasst geht es im Abkommen darum, dass die Türkei ihren Grenzschutz massiv verstärkt und so Flüchtlinge daran hindert von der Türkei auf die griechischen Inseln überzusetzen. Zusätzlich schreibt das Abkommen vor, Flüchtlinge zu tauschen. Das heißt: Flüchtlinge ohne Asylanspruch werden von den griechischen Inseln zurück in die Türkei gebracht; im Gegenzug dürfen syrische Flüchtlinge aus der Türkei in die EU.

Türkei-Serie Teil II: Was das Flüchtlingsabkommen wirklich bedeutet, wird verschwiegen

Ob das Abkommen nun prinzipiell gut oder schlecht ist, darüber wird in den Medien viel diskutiert. Aber was im Detail eigentlich am Mittelmeer wirklich passiert, darüber ist es ziemlich schwer, verlässliche Informationen zu bekommen, selbst wenn man täglich Zeitung liest. Es ist beispielsweise völlig unklar, inwieweit sich die Situation der Flüchtlinge in der Türkei tatsächlich durch die Gelder aus Brüssel gebessert hat.

Der Tagesspiegel schreibt beispielsweise im März dieses Jahres zum einjährigen Bestehen des Abkommens, dass die Milliardenunterstützungen der EU „schon deutliche Verbesserungen für die Flüchtlinge dort gebracht haben.“ Dann fehlt aber der Beleg. Auch bei Spiegel Online, der SZ und der Zeit konnten wir kaum greifbare Zahlen finden. Es kann sein, dass es Flüchtlingen in der Türkei nun besser geht, es kann aber auch sein, dass es vielen nun deutlich schlechter geht, weil sie gewaltsam festgehalten werden. So oder so. Man erfährt es nicht.

Darüber hinaus bleibt nebulös, was genau der „gestärkte Grenzschutz“ in der Türkei eigentlich macht. An einigen Stellen loben die deutschen Tageszeitungen den Flüchtlingsdeal, weil nun weniger Menschen auf den griechischen Inseln eintreffen würden. So beispielsweise Till Schwarze auf Zeit Online, wenn er schreibt:

„Erfüllt das Abkommen seine Ziele? Zumindest das wichtigste Ziel der EU. Seit Abschluss des Deals kommen deutlich weniger Flüchtlinge in Griechenland an. Während im Januar 2016 laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR noch 67.000 Flüchtlinge nach Griechenland gelangten, sind es seit Anfang dieses Jahres nur noch 1.200. Die Türkei scheint also wirksam ihre Grenzen zu schützen und effektiver gegen Schleuser vorzugehen“.

Danach folgen keine weiteren Informationen. Ungeachtet der Tatsache, dass die Situation auf den griechischen Inseln natürlich noch lange nicht gut ist, wird mit keinem Wort erwähnt, wie genau der türkische Grenzschutz nun eigentlich aussieht. Was genau macht die Türkei denn, um die Flüchtlinge aufzuhalten, welche Mittel werden eingesetzt? Wie viele Schlauchboote sind gezwungen umzudrehen? Wie viele Menschen sterben dabei jede Woche? In den Leitartikeln erfährt man das nicht. Alles, was man liest, ist, dass der Grenzschutz jetzt „besser“ funktioniert.

Um Details zu erfahren, müsste man vermutlich mit den NGOs vor Ort sprechen und darauf hoffen, dass hier verlässlichere Informationen zu finden sind. Und trotzdem – und das finden wir bemerkenswert – obwohl so wenig konkrete Informationen öffentlich gemacht werden, wird so getan, als könne man darüber nun urteilen, ob der Flüchtlingsdeal nun gut oder schlecht sei. Ein Artikel, den wir zu diesem Thema empfehlen können, stammt von Nick Squires, dem Italien-Korrespondent des Telegraph. Er war vor Ort und hat mit Vertretern von Ärzte ohne Grenzen gesprochen, die ein etwas anderes Bild zeichnen.

Türkei-Serie Teil II: Was das Flüchtlingsabkommen wirklich bedeutet, wird verschwiegen

Aber selbst mit einem solchen Bericht steht Aussage gegen Aussage. Das ist einer der Gründe, warum wir The Buzzard machen. Es ist unglaublich wichtig, den lokalen Stimmen, die tatsächlich vor Ort sind, mehr Gehör zu verschaffen. Wir werden uns also bemühen an dieser Frage für euch weiter dran zu bleiben.

Wer es wichtig findet, dass diese Lücken in der Medienlandschaft in Zukunft mehr betont werden und auch kleine journalistische Stimmen mehr Gehör finden, kann uns jetzt gerne als Buzzard PRO-Leser unterstützen. Jeder PRO-Leser erhält im Gegenzug unsere wöchentlichen Recherchen.

 

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Wer steckt dahinter?

Dario Nassal
Kommt aus:Gebürtig Stuttgart; jetzt: Leipzig; zuvor: Amsterdam & Mannheim
Politische Position:Findet Politik in Deutschland sollte umweltfreundlicher und sozialer gestaltet sein.
Arbeitet für/als:Gründer & Geschäftsführer bei TheBuzzard.org
Was Sie noch wissen sollten:Dario ist Mitgründer von TheBuzzard.org. Er hat zuvor bei der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, der STUTTGARTER ZEITUNG und dem MANNHEIMER MORGEN geschrieben und Politikwissenschaften in Mannheim, Istanbul und Amsterdam an führenden europäischen Universitäten studiert.
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