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Wie lässt sich der große Erfolg der Rechtspopulisten in Europa erklären?
Wie lässt sich der große Erfolg der Rechtspopulisten in Europa erklären?
(Foto: coyot | Pixabay | CC0 Public Domain )

Das Argument in Kürze:

Ronald Inglehart und Pippa Norris gehören zu den namhaftesten Politikwissenschaftlern weltweit. Ingleharts Theorie des Wertewandels gehört zur Pflichtlektüre vieler Politik-Bachelor-Studiengänge. In diesem wissenschaftlichen Artikel gehen die beiden renommierten Politologen der Frage nach, wie sich der große Erfolg populistischer Politik in der westlichen Welt in den vergangenen Jahren erklären lässt. In 11 westlichen Demokratien sitzen populistische Parteien mittlerweile in der Regierung, seit den 1960ern hat sich der Stimmenanteil populistischer Parteien mehr als verdoppelt. Wie lässt sich dieser enorme Zuwachs erklären? Inglehart und Norris testen zwei  bekannte Theorien auf diesem Gebiet, um eine Antwort zu finden. Die erste Theorie erklärt Populismus mit  ökonomischer Unsicherheit, die zweite als Folge eines Kulturkampfes:

Theorie I: Populismus aufgrund des ökonomischen Wandels postindustrieller Gesellschaften  

Globalisierung und Digitalisierung haben die Arbeitswelt im Westen nachhaltig verändert. Und mit diesen Veränderungen in post-industriellen Gesellschaften geht auch eine wachsende soziale Ungleichheit einher. Der rapide Erfolg von populistischen Parteien – so die Theorie – sei eine Folge dieser sozialen und ökonomischen Ungleichheit. Denn viele der Unzufriedenen, der weniger Privilegierten seien in einem solchen Klima anfällig für Anti-Establishment-Parolen und wählten schließlich aus Unzufriedenheit auf „die da oben“ populistische Parteien.

Theorie II: Populismus als Reaktion auf kulturelle Veränderung  

Die zweite große politikwissenschaftliche Theorie sieht Populismus nicht in erster Linie als Folge ökonomischer Ungleichheit, sondern vielmehr als Reaktion auf einen rapiden Kultur- und Wertewandel in westlichen Demokratien. Postmaterialismus, die Umweltbewegung und der linksliberale Wertekanon haben sich seit den 68ern rasend schnell in europäischen Demokratien verbreitet. Die Vertreter traditioneller Gesellschafts- und Familienbilder fühlten sich deshalb bedroht von diesem Kulturwandel und gäben ihre Stimme dann populistischen Parteien, die vermeintlich für diese „alten“ und „echten“ Werte einstünden.

Die zwei Erklärungsansätze im Vergleich

Inglehart und Norris analysieren in ihrem Artikel den programmatischen Fokus  aller populistischer Parteien in Europa und messen dann inwiefern Ideologien, demographische Merkmale und politische Einstellungen der Wähler dazu führen, dass sie ihr Kreuzchen für populistische Parteien machen und wenn ja für welche dieser Parteien gestimmt wird. Das Ergebnis: Überwiegend scheinen die Werte der Wähler eine größere Rolle zu spielen als wirtschaftliche Ungleichheit. Die Wähler populistischer Parteien sind laut der Untersuchung von Inglehart und Norris mit überdurchschnittlich großer Wahrscheinlichkeit männlich, älter, religiös, gehören der ethnischen Mehrheit an und sind schlechter gebildet. Die Arbeiterklasse, die unterqualifizierten Arbeitskräfte und Sozialhilfeempfänger stimmen im Durchschnitt deutlich weniger für populistische Parteien als Angehörige des Bürgertums. Daher sei die soziale Schere, unter der hauptsächlich die Arbeiterklasse leidet, nicht primär für den enormen Erfolg der Populisten verantwortlich, sondern vielmehr der Kulturwandel.

Warum wir diesen Artikel empfehlen:

Jedes Mal wenn populistische Parteien in Europa Erfolge erzielen, geht in den Medien das Rätselraten los, was die Gründe für den Stimmenzuwachs sein könnten. Dieser Artikel von Inglehart und Norris bietet Klarheit, wo oft nur spekuliert wird. Die beiden beschreiben im Detail, wie die Politikwissenschaft den Erfolg von Populismus derzeit erklärt und sie testen die Erklärungsansätze in einem klar strukturierten Modell. Selbst wenn das gesamte Paper für die Lektüre zwischendurch zu lang und komplex sein mag: Kurzzusammenfassung, Einleitung und Schluss sollte man sich auf jeden Fall durchlesen, um die AfD-Debatte ein bisschen besser im europäischen Kontext zu verstehen.

Wer steckt dahinter?

Ronald Inglehart & Pippa Norris
Kommt aus:USA & UK
Politische Position:unklar
Arbeitet für/als:Politologe, Professor an der University of Michigan & Politologin, Dozentin an der Kennedy School of Government, Harvard University
Was Sie noch wissen sollten:Inglehart wurde in den 1970er Jahren durch seine Theorie des Wertewandels bekannt. Seine Theorie besagt, dass bei steigendem Wohlstand einer Gesellschaft das Bestreben nach materialistischen Werten (z.B. Neigung zu Sicherheit und Absicherung der Grundversorgung) abnimmt, während das Bestreben nach postmaterialistischen Werten (z.B. Neigung zu politischer Freiheit, Umweltschutz) zunimmt. 2011 erhielt Inglehart gemeinsam mit Pippa Norris den Skytteanska priset der Universität Uppsala.
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