Die alte Verfassung ist Teil einer korrupten, militärdominierten Türkei – sie muss erneuert werden
Die alte Verfassung ist Teil einer korrupten, militärdominierten Türkei - sie muss erneuert werden
(Foto: Mstyslav Chernov | Wikimedia | CC BY-SA 4.0)

Für Ali Murat Yel besteht kein Zweifel: Wer die Geschichte der Türkei kenne, der wisse auch, dass die Verfassung erneuert werden müsse. Das 20. Jahrhundert sei eine brutale Zeit gewesen für die Türkei. Atatürk wollte sein Land zu einem modernen Staat machen. Und unter modern verstand er vor allem westlich. Innerhalb weniger Jahre krempelten die alten kemalistischen (d.h. Atatürk wohlgesonnenen) Eliten die Türkei um. Weg von den osmanischen Wurzeln und hin zu säkularen Vorbildern wie Frankreich. Doch es war eine Revolution von oben. Sie kam nicht aus dem Volk. Die Modernisierung war aufgezwängt und die Militäreliten verankerten ihre Vormachtstellung in der Verfassung.

Echte Demokratisierung sei mit einer solchen Verfassung nicht möglich, schreibt der Anthropologie-Professor aus Istanbul. Demokratie müsse von unten kommen, sie brauche Raum zu atmen. Deshalb sei Erdogans Referendum längst überfällig. Sie befreie das Land von der jahrzehntelangen Vormundschaft des Militärs. Sie beseitige bürokratische Hürden alter Eliten. Das hätte schon lange kommen müssen. Nur jetzt erst, durch das Scheitern des Coups am 15. Juli und der breiten Volksunterstützung gegen das Militär, bestehe der nötige Sozialvertrag für eine solche Neuerung.

Yels Artikel macht deutlich, warum ein Nein zum Referendum nicht unbedingt mehr Demokratie zur Folge haben muss. Und er legt den Finger in die Wunde: Er deutet auf die schwierige historische Vergangenheit vieler, die nun gegen Erdogan protestieren.

Wer steckt dahinter?

Ali Murat Yel
Kommt aus:Türkei
Politische Position:Pro-Regierung
Arbeitet für/als:Professor für Anthropologie an der Marmara Universität, schreibt für Daily Sabah, Middle East Eye
Was Sie noch wissen sollten:“Im anstehenden Referendum hat das "No"-Lager seine Kampagne auf die falsche Vorstellung von einer "Ein-Mann-Regierung" gegründet. [...] Anstatt Gegenargumente gegen die 18 Verfassungsänderungen zu entwickeln, hat das "No"-Lager eine herablassende Haltung gegenüber den Wählern gewählt”.
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