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Separatisten-Führer im Interview: „Die Regierung in Kiew steht für Zerstörung. Wir stehen für den Aufbau.“
Separatisten-Führer im Interview: "Die Regierung in Kiew steht für Zerstörung. Wir stehen für den Aufbau."
(Foto: ВО «Свобода» | Wikimedia | CC BY 3.0)

Abseits der deutschen Medienbrille ist es oft sehr schwierig und sehr zeitaufwendig tatsächlich Stimmen zu finden, die aus der Rolle der prorussischen Separatisten argumentieren. Die meisten Einträge sind auf Russisch. Deshalb hat unsere Mitarbeiterin Olja Osintseva für diesen Topic Deep Dive ein Interview zwischen der Nachrichtenagentur RIA Novosti und dem Oberhaupt der selbsterklärten Volksrepublik Lugansk, Igor Plotnizki, vom russischen ins Deutsche übersetzt. Im Gespräch spricht Plotnizki über seine Motivation für den Kampf gegen Kiew und das Leben in der von ihm geführten Republik.

Über die Beziehung zwischen der regionalen Hauptstadt Luhansk und Kiev

“Welche Beziehung können wir mit der heutigen Führung der Ukraine haben? Das ist ein modernes NS-Regime. Mit solchen Leuten können wir keine Beziehung führen!
Wenn allerdings die Punkte der Minsk-Vereinbarungen Schritt für Schritt in die Realität umgesetzt werden, werden wir sehen, dass die Ukraine sich von selbst ändern wird. Das jetzige Regime wird verschwinden. Und es wird eine neue Ukraine sein.”

Über die „Erfolge“ der Separatisten in den letzten zwei Jahren

“Ich höre ständig, wie Leute uns Demokratie lehren, auch Personen wie John McCain [Anm. d. Red.: Republikanischer US-Präsidentschaftskandidat gegen Obama im Jahr 2008]. Ich habe McCain hierher eingeladen, damit er sich anschaut, was Demokratie wirklich bedeutet. Natürlich ist er nicht gekommen. (…) Wenn wir uns daran erinnern, wie die USA ihre Unabhängigkeit gewonnen haben, dann bin ich mir sicher, dass Großbritannien ihnen damals keine Blumen geschenkt hat und sie nicht für die Selbständigkeit gesegnet hat. Sie wurden genauso als Separatisten und Terroristen bezeichnet.“

Über die Lokal-Wahlen in Luhansk, die für November 2016 eingeplant waren. Nun aber zum vierten Mal verschoben wurden. (Anm.: Laut dem Minsker-Abkommen soll ein Dialog zwischen Kiev und Ostregionen einsetzen, um die genauen Modalitäten lokaler Wahlen festzulegen. Die Ukraine besteht auf der Durchführung der Abstimmung nach ukrainischem Recht. Das würde aber bedeuten, dass die Separatisten nicht an der Wahl teilnehmen dürfen. Die Aufständischen weigern sich deshalb).

“Laut der ukrainischen Verfassung hätten die lokalen Wahlen noch Ende 2015 stattfinden müssen. Wir haben uns darauf vorbereitet und gewartet. Aber wie wir sehen, hatte Poroschenko nicht mal vor, irgendwelche Wahlen durchzuführen. (…) In jedem Fall ist die Verschiebung der Wahlen ein bitterer Schlag für die Ukraine. Denn damit erlaubt Kiew Menschen nicht einmal, ihr verfassungsmäßiges Recht auszuüben – und wählen zu gehen.”

Über die sicherheitspolitischen Maßnahmen nach dem Tot des Separatistenchefs “Motorola” und mehreren Attentaten auf Plotnizki selbst
“Ich verstehe, warum solche tragischen Ereignisse viel Aufmerksamkeit in den Medien bekommen. Aber da ich hier gerade die Chance habe, möchte ich die Aufmerksamkeit vor allem auf die einfachen Menschen ziehen, die an der Frontlinie leben. Sie werden jeden Tag beschossen; und täglich stirbt jemand an den Minen. (…) Die Zahl der zivilen Opfer nach der Unterzeichnung des “Minsk II“-Abkommens [Anm. d. Red.: 12. Februar 2015] wird bald genauso hoch sein wie während der Zeit der aktiven Gefechte.”

Über das Leben in der Volksrepublik Lugansk

“[Abseits der Frontlinie] gehen heute unsere Kinder in warme Schulen und Kindergärten. Sie besuchen Museen, Theater und einen Zirkus, den wir vor kurzem renoviert haben. Keiner glaubte, dass wir das schaffen, den Zirkus nach so einer Zerstörung wieder aufzubauen. (…) Wir haben ein ukrainisches Dramen-Theater. Was haben die Behörden in Kiew getan? Erinnern Sie sich daran, dass das erste Gesetz, das diese illegitime Macht nach dem Staatsstreich verabschiedet hat, das Gesetz war, die russische Sprache [als offizielle Landessprache] zu verbieten? Wir haben so was nicht getan und werden es auch nicht tun. Weil Poroschenko sich für Zerstörung und Krieg einsetzt, und wir für Frieden und Schöpfung.”

Wer steckt dahinter?

Igor Plotnizki
Kommt aus:Ukraine
Politische Position:Mitglied der Partei “Peace for Lugansk Region” (Wird von Wikipedia als politische Mitte eingestuft, aber wir konhten keine Quellen finden, die diese Position bestätigen, Separatismus, Russophilie)
Arbeitet für/als:Oberhaupt der selbsterklärten Volksrepublik Luhansk
Was Sie noch wissen sollten:Wegen „Gründung einer Terrororganisation“ genehmigte ein Kiewer Kreisgericht der ukrainischen Justiz Plotnizkis Festnahme. Nach Einschätzung der Frankfurter Allgemeinen ist Plotnizki ein „Gefolgsmann der russischen Generallinie“.
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